OP-Einsatz im Bergland. Ein medizinischer Hilfseinsatz im afrikanischen Guinea

 In Berufswelt

(Den folgenden Artikel, den ich für die Januar/Februar-2018-Ausgabe der Zeitschrift „Dr. med. Mabuse“ verfasste, war bereits in Druck, als ich selbst medizinische Hilfe in Anspruch nehmen musste und dadurch für mich der geplante Einsatz am 27.12.2017 in Koolo Hinde ausfallen musste. Mittlerweile ist auch der dritte Trupp der MANGO-Hilfstruppe wieder kurz vor dem Rückflug. Auf www.mango-ev.de können die aktuellen Berichte über den Einsatz 2017/2018 nachgelesen werden.)

Dr. med. Mabuse Nr. 231 · Januar / Februar 2018: Gesundheit anderswo

Franz-Ferdinand Henrich unternahm im Januar 2017 einen dreiwöchigen medizinischen Hilfseinsatz in Guinea. Der Verein MANGO e.V. kommt bereits seit 20 Jahren in das Bergdorf Koolo Hinde. Henrich berichtet über die Arbeit seines Teams im dortigen OP-Zentrum, die Gesundheitsversorgung in der Region und die Herausforderungen eines solchen Einsatzes.

Verschiedenste Widersprüche in den einzelnen afrikanischen Staaten führen nicht selten zu einer Lähmung des öffentlichen Lebens – Schlagworte wie Bürokratie und Korruption sind leider bis in die kleinste Schulstube bittere Realität. Die großen afrikanischen Befreiungsbewegungen der 1950er und 1960er Jahre haben ihre Länder vom Kolonialstatus befreit, es aber in der Folge nicht geschafft, die neu errungene Macht zu einer grundlegenden Änderung der Lage der afrikanischen Bevölkerung zu nutzen.

Teilweise führen weitere Abhängigkeiten von den ehemaligen Kolonialmächten oder neue Abhängigkeiten von den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, Fehlentwicklungen in der sogenannten Entwicklungshilfe sowie wirtschaftliche Knebelverträge durch sogenannte Freihandelsabkommen in vielen afrikanischen Ländern zu einem Zurückfallen in der Weltwirtschaft und zur Verelendung der Bevölkerung. Von den „neuen Freunden“ aus China und Nordkorea ganz zu schweigen. Gute Ansätze im Bildungswesen und der Gesundheitsversorgung werden durch Fehlentwicklungen in der Politik wieder zunichte gemacht. Dürrekatastrophen und Seuchen wie Ebola, AIDS und Cholera lösen die Not auf ihre Weise. Die Überlebenden und die um ihre Existenz Betrogenen versuchen, häufig unter Einsatz ihres Lebens, den Kontinent in Richtung Europa zu verlassen.

Beispielhaft für diese Situation ist das westafrikanische Land Guinea, das ich erstmals im Januar 2017 im Rahmen eines medizinischen Hilfseinsatzes besuchte und hoffe es nun anlässlich meines zweiten Einsatzes noch besser kennen zulernen hoffe. Denn die Nöte der Menschen sind groß, im Landesinneren am größten – hier fehlt es an Grundlegendem.

Abenteuerliche Anreise

Symptomatisch ist bereits der Hinflug im Flugzeug der französischen Regionalfluggesellschaft HOP! nach Paris. Der Flug verzögert sich, da ein guineischer Asylbewerber in Begleitung von zwei bis vier „Polizeibeamten“ abgeschoben werden soll, sich aber wehrt. Erst nach dessen Beruhigung startet der Pilot. In Paris entwickelt sich in der Maschine der Air France ein wahrer Tumult der mitreisenden Afrikaner. Der Pilot droht, den Flug ausfallen zu lassen. Den Grund für den Aufruhr lasse ich mir so erklären, dass es für einen Afrikaner eine große Schmach sei, wenn ein Weißer einen Schwarzen gefesselt abführt. Der abgeschobene Asylbewerber sollte in Handschellen den Weiterflug in Guineas Hauptstadt Conakry antreten. Das Ergebnis des Protestes ist, dass die Beamten das Flugzeug mit dem Abschiebehäftling verlassen und wir mit zwei Stunden Verspätung starten.

Inzwischen hat sich unsere Gruppe aus dem hessischen Frankfurt am Main mit Mitstreitern aus dem Allgäu und Dresden komplettiert. Wir fahren unter der „Vereinsfahne“ von MANGO e.V., einige wie ich das erste Mal. Unser Zielort Koolo Hinde ist ein eher kleines Dorf in der Präfektur Dabola. Man erreicht es von Conakry aus über die Nationalstraße 1, welche von der Hauptstadt bis nach Mali beziehungsweise Liberia führt. Doch die in Google-Maps angegebenen 364 Kilometer und über sieben Stunden Fahrtzeit entwickeln sich zu einem zweitägigen Abenteuer. Schlaglöcher gigantischen Ausmaßes, kilometerlange
Schotterpisten, Reifenpannen, Getriebe- und Batterieschäden verzögern unsere Ankunft um einen Tag. Die Volksrepublik China soll diese Nationalstraße richten und macht dies sogar mit eigenen Leuten.

Seit 20 Jahren Einsätze im Bergland

MANGO kommt nun bereits 20 Jahre nach Koolo Hinde, das Dorf im Bergland Guineas, aus dem auch der Vereinsgründer Dr. Alimou Barry stammt. Mittlerweile hat der Verein dort ein OP-Zentrum mit zwei OP-Sälen, Untersuchungs- und Sterilisationsraum etc. errichtet, ferner ein Patientenhaus zur postoperativen Überwachung von circa 20 Patienten und zwei Unterkunftshäuser für den Einsatztrupp. Wir sind in diesem Jahr das zweite Team in Folge, das drei Wochen vor Ort bleibt. Die Übergabe der medizinischen und organisatorischen Informationen erfolgt fernmündlich und schriftlich. Nicht alle vom ersten Team operierten Patienten sind entlassen. Und die Warteschlange der Patienten, die noch voruntersucht und behandelt werden müssen, ist sehr groß.

Der erste Tag gilt der Einarbeitung und Strukturierung der eigenen Arbeit. Wir sind ein Team von zwei Chirurgen, einem Gynäkologen, zwei Anästhesistinnen, zwei OP-Schwestern, einem OP-Pfleger und zwei Anästhesieschwestern. Außerdem ist Bailo dabei: Er ist Vorsitzender des Vereins, arbeitet in Frankfurt und spricht nicht nur die offizielle Landessprache Französisch, sondern auch mindestens drei der fünf regionalen Sprachen, darunter Ful beziehungsweise Peul, Malinke und Susu. Im medizinischen Bereich werden wir noch unterstützt von Kadiadou, einer Krankenschwester aus Conakry, die von unseren Anästhesistinnen in den drei Wochen die Kunst der Spinalanästhesie beigebracht bekommt. Ferner steht uns bei den Operationen Diallo zur Seite, ein Arzt aus Conakry, welcher bereits dem ersten Team geholfen hat und von diesem an seiner vergrößerten Schilddrüse operiert wurde. Speziell zur Schwangerenbetreuung angeleitete Hebammen unterstützen uns ebenso wie Frauen aus dem Dorf bei der täglichen Versorgung.

eine Krankenschwester bei der Spinalanästhesie

Schwierige Auswahl der Patienten

Unsere Aufgabe ist es, in drei Wochen Operationen bei den Patienten durchzuführen, die unsere Hilfe am dringendsten benötigen, aus dem allgemein- und viszeralchirurgischen Bereich wie aus dem gynäkologischen. Da die Anzahl der Wartenden unsere Kapazität übersteigt, organisieren wir eine Sprechstunde, um die Patienten auszuwählen. Eine Vorauswahl wurde bereits von den benachbarten Distrikten getroffen und die Ankunft der MANGO-Teams wird auch über Radio verbreitet. Angegliedert an das OP-Zentrum ist ein öffentlicher „Poste de Santé“, in dem ein Pfleger die normale medizinische Vorortversorgung aufrechterhält, auch wenn MANGO nicht da ist. Die nächste medizinische Einrichtung ist das „Kreiskrankenhaus“ in Dabola, circa 50 Kilometer von Koolo Hinde entfernt und eine von vier Präfekturen der Region Faranah. In diesem Krankenhaus ist die Versorgung seit der Ebola-Epidemie vor zwei Jahren stark reduziert, da auch drei der fünf Ärzten an Ebola verstarben.

Der „Poste de Santé“ dient uns als Sprechzimmer und der staatliche Pfleger und sein Begleiter versuchen, den Patientenstrom in die Sprechstunde zu kanalisieren. Sie scheinen jedoch bei der Auswahl der Patienten auch eigenen Interessen zu folgen, jedenfalls greift Bailo bald in die Selektion ein und fordert die Bevorzugung von Kindern, Frauen und jungen Männern – „die Zukunft Guineas“, wie er sagt. Auch die Bevorzugung der örtlichen Ethnie will er nicht dulden. Außer den Kindern muss jeder Patient, der zur Untersuchung in die Sprechstunde kommt, umgerechnet etwa 30 Cent bezahlen. Für jede Operation, die durchgeführt werden muss, fallen nochmals circa 30 Euro an. Die Zahlung durch die Patienten ist eine verpflichtende Abmachung mit den Staatsorganen, die NGO’s einhalten müssen, wenn sie medizinische Hilfe anbieten. MANGO verwendet dieses Geld nach dem Einsatz, um die örtlichen Helfer (Küche, Sterilisation, Putzen etc.) zu bezahlen.

Der Sterilisationsraum

Bei der Sprechstunde, die wir in der Regel im Anschluss an die Operationen nachmittags durchführen, ist immer Bailo, unser Dolmetscher, anwesend. Meine Französischkenntnisse reichen für die Anamnese der häufig nur Peul und Malinke sprechenden Patienten nicht aus. Dabei ist eine genaue Anamnese umso wichtiger für eine korrekte Operationsindikation, als Labor und Röntgendiagnostik nicht zur Verfügung stehen. Der Befund wird erhoben und dokumentiert, der körperliche Untersuchungsbefund zur Anästhesievorbereitung von der anwesenden Anästhesistin ebenso. Anschließend wird der OP-Termin festgelegt und jeder Patient erhält einen Zettel mit den notwendigen Informationen, den er zum vereinbarten Termin mit zum OP-Zentrum bringen muss.

Besonderheiten bei den Operationen

Der Operationstag beginnt gegen neun Uhr nach der Visite im Patientenhaus. Auf dem Plan stehen zunächst ein bis zwei Kinder, anschließend größere Operationen an vergrößerten Schilddrüsen, Leistenbrüchen oder gynäkologischen Fisteln. Alle Operationen, welche in örtlicher Betäubung oder Spinalanästhesie erfolgen können, werden parallel im zweiten OP-Saal durchgeführt.

Die von mir operierten Kinder haben in der Regel angeborene Leistenbrüche, Wasser- oder Nabelbrüche beziehungsweise ausgedehnte gutartige Tumore. Obwohl die operative Technik, die vorhandenen Instrumente und auch die sterile Abdeckung und Desinfektion unserem Standard in Deutschland entsprechen, ist die Lufthygiene doch eher typisch afrikanisch. Temperaturen um die 35 Grad Celsius, staubige Luft im OP-Saal sowie Lüftung durch Türen und Fenster stellen nicht nur ein schlecht lösbares Hygieneproblem dar, sondern verlangen auch von Schwestern und Operateuren zusätzliche Schweiß- und Energieverluste.

Eine Besonderheit, die bei den erwachsenen Patienten noch wesentlich ausgeprägter ist, ist die Ausdehnung der Befunde. Leistenbrüche können auch bis zwischen die Kniegelenke reichen, Schilddrüsenknoten sind auch handballengroße, ein- oder beidseitige Hals-„Tumore“, die eine Beugung des Kopfes deutlich behindern.

Patientinnen warten in der Sprechstunde

Manche Patienten müssen warten

Etliche Operationen können leider bei unserem Einsatz nicht durchgeführt werden, da zum Beispiel für die Lippen-Kiefer- Gaumenspalten kein Operateur mitgefahren ist. Diese Operationen werden auf das nächste Jahr verschoben. Andere Patienten müssen ebenfalls vertagt werden, da zum Ende der drei Wochen die Nachbehandlungszeit nicht mehr ausreicht.

Die letzte Operation, die wir noch am Sonntag vor unserer für Dienstag geplanten Abreise durchführen, ist eine Oberschenkelamputation an einem Patienten, der auf seinen Gesäßbacken rutschend ins OP-Zentrum kam. Er hatte an beiden Unterschenkeln ausgedehnte Geschwüre, die am linken Bein mit Weichteilabszessen bis oberhalb des Kniegelenkes verbunden waren. Samstags lehnte er die Operation noch ab, da er sich vor dem Eingriff fürchtete. Als er die Ausweglosigkeit der Situation jedoch erkannte, stimmte er schließlich zu. Die Ursache für die Erkrankung blieb ungeklärt. Er selbst hatte angegeben, in einer Mine in der Nähe der Grenze zu Mali gearbeitet zu haben und dort von einer Schlange gebissen worden zu sein. Der Patient übersteht die Operation ohne Weiteres und kann nach unserer Abreise noch einige Zeit im „Poste“ verbringen und sich an das Laufen mit Unterarmgehstütze gewöhnen.

Viele Patienten, die nach der Operation nicht mehr im Patientenhaus liegen müssen, denen aber ein langer Rückweg nach Hause noch nicht zuzumuten ist – sie sind zum Beispiel mit einem ausgedehnten Hämorrhoidenvorfall auf dem Motorrad angereist – können noch ein paar Tage bei Dorfbewohnern bleiben. Diese bieten ihre Hütte den Patienten als Gasthaus an und können sich so noch ein paar Guineé-Franc dazuverdienen. Während des gesamten Aufenthaltes müssen die Patienten sich selbst versorgen beziehungsweise von Familienangehörigen versorgen lassen.

Das Mango-Team besucht die örtliche Schule

Hilfe für den Einzelnen

Während unseres dreiwöchigen Aufenthaltes in Koolo Hinde können wir über 120 Operationen durchführen. Die Arbeitsbedingungen sind einfach, doch das medizinische Niveau ist hoch. Auch wenn es in unserer Unterkunft kein fließendes Wasser gibt, werden wir komfortabel mit drei Mahlzeiten und elektrischem Strom aus Sonnenkollektoren versorgt. MANGO hat diese installiert und ebenso die örtliche Schule damit versorgt.

Bei dieser Form der medizinischen Hilfe in einem kleinen Dorf in Westafrika, wo selbst die Basisversorgung der Bevölkerung an unzureichender Infrastruktur, mangelnden individuellen Ressourcen und fehlendem Know-how scheitert, ist jede durchgeführte Operation meines Erachtens zwar ein Tropfen auf den heißen Stein, letztlich aber doch eine wirksame und unmittelbare Hilfe für die einzelne Person. Von dieser Unterstützung profitiert die gesamte Region. Wenn dieses Projekt weiterhin ausgebaut wird – in Richtung größerer Nachhaltigkeit und zu mehr „Hilfe zur Selbsthilfe“ – hat sich jeder Euro, der für unsere Arbeit gespendet wird, gelohnt. ■
Weitere Informationen über MANGO e.V. finden
sich auf http://www.mango-ev.de/.