MEINE REISE NACH KOOLO HINDE/GUINEA (9)

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TAGEBUCH-PROTOKOLL 27.01.2017 – 18.02.2017

2017-02-11 Koolo Zum Camp (4)

12.2. Sonntag. Vor dem Frühstück auf der Terrasse der erste Kaffeetopf, die frischen Beignets. Das ist richtig zur Gewohnheit geworden! Schöner Tagesbeginn. Draußen läuft ein Kind und zieht an einer Schnur eine Flasche hinter sich her. Das erste Spielzeug, was ich sah, hatte ein Junge unter den vielen uns immer wieder folgenden: Eine Blechscheibe, ein Dosendeckel mit zentralem Loch, über das nach beiden Seiten eine verzwirbelte Schnur gespannt war. Beim Ziehen an deren beiden Enden drehte sich die Scheibe glitzernd in der Sonne. Bei uns würde man eine CD dafür nehmen. Bzw. das ökologisch-korrekte Holzspielzeuggeschäft würde eine CE-geprüfte Holzscheibe mit Naturkordel und giftstofffreier entfasernden Lackierung anbieten, natürlich erst für Kinder ab dem 4. Lebensjahr. Was machen die Kinder hier in einem afrikanischen 100-Seelen-Dorf, 360 km weit entfernt von der Hauptstadt, der einzigen wirklichen großen Stadt mit Verbindung zur übrigen Welt, wie mir scheint. Einige Male haben wir Jungs Fußballspielen gesehen, auf dem Bolzplatz gegenüber der Station. Heute nachmittag auch wieder. Es ist ein vielleicht 30 x 15 m großer staubiger Platz, an dessen Frontseiten zwei kleine, verrostete Bolztore stehen, wie wir sie auch von zuhause kennen. Huch, ich muss aus meinen Schuhen und Strümpfen raus! Bin doch wieder sehr geschwitzt. Bin auch der einzige, der immer diese knöchelhohen (empfohlenen), schönen Lederschuhe trägt und (auch empfohlen) langärmelige T-Shirts. Alle anderen laufen in Sandalen, Flipflops und kurzen T-Shirts rum. Allerdings schwitzen sie im Endeffekt ebenso. Jetzt kam aber noch der heutige Empfang in unserer Unterkunft hinzu. Die Schnitzverkäufer, die sich heute morgen und auch gestern abend bereits noch etwas weiter entfernt aufgebaut hatten, breiteten sich jetzt mit ihren Schnitz- und Malwerken unmittelbar vor unserer Terrasse aus. Drei Händler boten unterschiedliche Objekte an, die sie teilweise auf Tüchern auslegten. Julia hatte bereits eine kleine Nimba gekauft, erhandelt. Diese Nimba vertreibt angeblich böse Geister. Die wahre Geschichte ist etwas komplexer. Es ist eigentlich eine für Guinea und die Ethnie Baga typische Schultermaske. Sie wird hauptsächlich zu Ritefeiern bei der Aussaat und Ernte getragen. Die Träger sind dann vollständig unter einem großen Behang aus Pflanzenfasern und Stoff verborgen. Julia gibt mir eine Anleitung zum Verhandeln. Ich interessiere mich zunächst für ein schönes Nackenbänkchen, ein auf dem Rücken liegender Mann, der mit Knien und Händen die Sitz-, bzw. Ablagefläche trägt: Ich handele den Preis von 350.000 auf 200.000 GFR runter, was etwa 20 € bedeutet. Eine Miniatur- oder Klein-Maske und eine Handfigur, die nach Angaben des Händlers zu Tänzen bei „Tauf“-Festen und Initiationsriten verwendet werden, erhalte ich gleich für 140.000 GFR dazu. Jetzt ist Schluss! Noch ein Foto! Aus. Unser letzter Operationstag endete mit der Oberschenkelamputation des Diamantenschürfers. Er hatte nämlich erzählt, dass er zum Diamantenschürfen im Malinke-Gebiet war und dass die Unterschenkelgeschwüre von Schlangenbissen herrührten. So gesagt, so geschehen. Ich assistierte die Operation James. Die Gangrän reichte bereits bis über das Kniegelenk. Weiter hatte ich noch: Asmadou Camara 18 J., epigastrische Hernie; Kadiatou Barry Riesenlipom Oberarm und Schenkelhernie; Amjudo Bah 50 J., Lipome beide Oberarme und Hüfte. Die Patientin mit der Schenkelhernie lief zunächst unter „zweites Lipom in der Leiste“ und überraschte uns bei erneutem Nachschauen, dass sich der Inhalt rege bewegte, eine Darmperistaltik aufwies. Die Operation war entsprechend ausgedehnt und kompliziert. Und auch das Lipom an ihrem Oberarm war kindskopfgroß und brachte mit der auch notwendigen Hautplastik eine kleine Herausforderung für den letzten Operationstag. Gegen Ende des Programms begann die Truppe bereits mit Aufräumarbeiten, Vorarbeiten für den folgenden Tag.

2017-02-12 Koolo Tanz-Fest (20)

Das „Duschen“ nach der Arbeit war wieder ein Genuss. Dann tranken wir noch das letzte Bier, mit Karl und James. Der Hit am Abend war dann das Tam-tam. Jemand, ich nehme an von MANGO, evtl. Bailo, hat eine Musikergruppe engagiert, die vor dem Tor des „MANGO-Geländes“ aufspielte. Man hatte den Eindruck, das ganze Dorf ist anwesend, Kinder, Jugendliche, Frauen, ein paar Männer. Die Musikergruppe bestand aus einem Koraspieler, der Bandleader und Sänger war, einem Elektrogitarrenspieler und einem Schlagzeuger. Nur das Instrument Kora war ein traditionelles Instrument. Die Musik, Afro-Rock?, wurde über einen großen Lautsprecher in die friedliche Nacht gedröhnt. Neben dem Lautsprecher auf der Mauer war noch ein lichtspendender Strahler befestigt, drumherum saßen neugierige Jungs. Und auf dem staubigen Platz ging richtig die Post ab. Hauptsache laut, Hauptsache Rhythmus, gelegentlich hörte man auch Melodien der Saiteninstrumente raus. Bei den letzten Abschiedsfesten spielten meistens volkstümlichere Instrumente wie Flöte, Trommeln etc. auf. Wir tanzten, bis uns der Staub und Lärm soweit benebelte, dass wir flüchten mussten. Die Kehle wurde stark durch Singen und Schreien und den Wahnsinnsstaub beansprucht und erhielt keinerlei Belohnung in flüssiger Form. Das Tanzen war auch nur freies Rumbewegen, könnte auch in einer Deutschen Disko gewesen sein. Besonders die Frauen, die für MANGO arbeiteten, tanzten und die Mangotruppe selbst. Trotzdem wurde der Platz immer enger, weil die Umstehenden, v.a. die Kinder, immer näher an das Geschehen heranrückten, bis sie von einem Mann mit Stock zurückgetrieben, geschlagen wurden. Die Kinder und Jugendlichen überforderten ihre Handys mit Fotos und Videos, nur um mit einem Weißen abgebildet zu sein. Das Selfie-Wesen nahm gigantische Ausmaße an. Ich zog mich zwischendurch mal nassgeschwitzt kurz in die Unterkunft zurück, um was zu trinken, für meinen Fotoapparat den geladenen Akku zu holen und ein frisches Hemd anzuziehen. Dazu musste ich von Geli den Schlüssel holen. Aber es gab nachher für die früher Gehenden Probleme mit dem Türöffnen, weil ich auch die zweite Tür verschlossen habe. Dafür gab es aber keinen Schlüssel!? Mea culpa!

2017-02-13 Koolo Die Schule (14)

13.2. Montag. Der letzte Tag in Koolo Hinde, die letzte Nacht! Heute war Aufräumtag. Das chirurgische Ärzteteam hat mit Bailo Verbandsprechstunde gemacht, was – wie immer am letzten Tag – sehr aufwendig war. Jeder noch nicht vollständig abgeschlossene Patientenfall musste eine Perspektive der Weiterbehandlung erhalten. Einige bleiben noch ein paar Tage im Patientenhaus unter der Obhut von Camano und dem Augenpfleger (der Nachtwache). Einige Patienten kommen aus Conakry, wo sie evtl. weiterbehandelt werden können. Ihnen allen zu erklären, was genau zu machen ist, worauf zu achten ist, wie die Medikamente einzunehmen sind, dauerte und kostete viel Geduld (besonders von uns Ärzten, die wir gewohnt sind, alles nur einmal zu sagen) und viel Geschick (von Bailo und Kadiatou, die in Französisch, Guineisch, also Malinke, Peul, Soussou mit Händen und Füßen die „banalsten“ Dinge erklären mussten). Und Camano stand stumm daneben wie so oft und rührte von sich aus keinen Finger. Er hatte eine alte Radiusfraktur mit Pseudarthrose und Ulnavorschub. Man hat bisher noch keine Form der Hilfe für ihn gefunden. Hoffentlich merkte er sich wenigstens ein paar Dinge für die Nachbehandlung der Patienten. Bailo geigte ihm einige Male die Meinung. Wir zogen teils auch die Blasenkatheter, für die belassenen SPF-Katheter mussten eine genaue Handlungsanweisung gegeben werden. Langsam gingen die Instrumente und Verbandsmaterialien zu Neige. Viele Patienten erhielten solches auch mit nach Hause. Während der ganzen Zeit räumten die übrigen unseres Trupps die Räume leer, putzten Regale, verpackten Apparate, Instrumente wurden gereinigt und geölt und eine komplette Inventur gemacht. Andreas ging mit Julia durch alle Räume und fotografierte und notierte alle notwendigen Reparaturen wie fehlende Wandkacheln, Wasserschäden an der Decke, fehlende Steckdosen und defekte Türschlösser. Ihre Arbeit ging dann im Lager weiter, wieder zusammen mit den Anästhesistinnen, was dazu führte, dass sie am Ende nicht nur völlig fertig waren (jeden Tag ist es zum Schluss deutlich heißer geworden), sondern auch von Kopf bis Fuß rot eingestaubt waren. Momentan sind deswegen auch die Bäder dauerbesetzt. Ich bin auch nassgeschwitzt und stelle mich ans Ende der Badwarteschleife. Heute sind auch alle restlichen bestellten Mitbringsel gekommen. Jeder zahlt 10 € und nimmt, was er bestellt hat. Erdnüsse, geröstet und ungeröstet, Erdnussbutter, Fonio (Hirse), Pimentpaste, Kinkilaya-Teeblätter. Zusammen mit den Eroberungen vom großen Markt vor einer Woche und den Kunstgegenständen der Schnitzer wird versucht, die für die Rückfahrt halbleeren Koffer und Taschen zu füllen. Es bleibt noch viel freier Platz übrig. Die Rückfahrt bietet aber auch noch Gelegenheiten, die Lücken zu füllen. Das Trennen der Klamotten für die drei Tage Strand will wohlüberlegt sein. Das Hauptgepäck wird bei Bailo in Conakry bleiben, der es am Abflugtag separat zum Airport bringt. Zwischendurch heute nachmittag haben wir die Schule besucht. Die beiden länglichen flachen Schulgebäude haben vor den Eingängen zu den Klassen- und Verwaltungsräumen noch einen Arkadengang. Sie sind dem OP-Zentrum unmittelbar benachbart. Zwischen den beiden Gebäuden ist ein großer Platz mit einzelnen Bäumen. Aber längst nicht genug, um dem Schulhof genügend Schatten zu spendieren. Neben den Klassenräumen ist auch das Direktionszimmer in den Gebäuden. Der Schuldirektor öffnet alle Klassenräume und wird begleitet von einem jungen Lehrer, der von MANGO eingestellt wurde (bezahlt wird). Es gibt 287 Schüler an dieser Schule und 5 Lehrer. Die 1. und die 2. Klasse sind zusammengelegt und umfassen ca. 80 Schüler. Diese werden wohl in zwei Fraktionen unterrichtet (vormittags/nachmittags). In den Klassenräumen gibt es Schulbänke und an der Frontseite eine die ganze Wand einnehmende Tafel. Vom letzten Unterricht steht dort noch einiges zu lesen: das ABC, die Nationalhymne, eine Geschichte in Französisch, der Anwesenheitsbestand der Schüler (anwesend, Soll, Mädchen, Jungen). Es gibt Kartenmaterial für den Erdkundeunterricht und auch auf die Wände sind hie und da Bilder gemalt, die einen Zahn oder das Innenleben des Körpers darstellen, verschiedene Tiere und Pflanzen.

2017-02-13 Koolo Die Schule (5)

Bailo fragt anschließend den Schuldirektor, der übrigens sein Cousin ist, was die Schule am dringendsten braucht. MANGO, bzw. die anwesenden Helfer, möchten eine Spende machen. Der Schuldirektor zählt für jede Klassenstufe genau auf, wie viele Bücher in jedem Fach fehlen. Wir kommen auf einen Fehlbestand von fast 200 Büchern, wovon jedes einzelne im Durchschnitt 35.000 GFR kostet. Zusammen müssten 600 € aufgewendet werden, um die Bücher zu besorgen. Die Gruppe erklärt sich bereit, das Geld zu spenden. Bailo nennt die Bedingungen: Die Bücher müssen bis abends besorgt und vorgelegt werden. Er will genau sehen, für was das Geld ausgegeben wird. Und tatsächlich: Am Abend kam das Auto mit Schuldirektor und Begleitung. Wahrscheinlich der Buchhändler aus Dabola. 4 oder 5 Kisten wurden angeschleppt. Bailo ließ auf unserer Terrasse alles auspacken und genau abzählen. Obwohl der Schuldirektor, Bailos Cousin, mittags noch genau wusste, welche Klasse wie viele Bücher brauchte, sind die Zahlen jetzt unterschiedlich. Das erste aber, was Bailo auffiel, war eine Kiste mit Büchern, auf denen vermerkt war „Interdit à louer ou vendre“. Wieso sollten wir jetzt für Bücher bezahlen, die der Staat offensichtlich den Schülern umsonst zur Verfügung stellen will? Die Bücher wurden aussortiert. Diese Gratis-Bücher werden anscheinend unter der Hand verkauft. Bailo kannte offenbar den Trick. Nach einigem Verhandeln und persönlichem Nachzählen suchte er die Bücher aus, die der Schuldirektor praeferierte. Das Gesamtvolumen war 4.600.000 GFR, zusammen also fast 500 €. Eigentlich ein Riesenbetrag, der für uns nur schwer nachvollziehbar war. Bis die Gesamtrechnung stand, verging einige Zeit, und Bailo rechnete jeden Cent nach. Er traute keinem über den Weg, hatte man den Eindruck. Die Korruption geht hier in Guinea bis in die untersten Ebenen, das ist schon sehr erschütternd!

2017-02-13 Koolo Im Camp (13)

Ein wirklich ergreifender Abschluss war am Abend der Besuch der Honoratioren des Dorfes. Sie kamen persönlich, um sich für den Einsatz zu bedanken. Der Distriktvorsteher hielt eine freie Rede, die von Bailo übersetzt wurde. Der „Pressesprecher“, der 1. Und der 2. Iman sprachen und noch ein Mitglied des Ältestenrates sagte, dass er uns gerne den Stammbaum von Alimou Barry erzählen würde – beim nächsten Mal. Im nächsten Jahr! Es gab viel Beifall, auch und besonders nach der „Gegenrede“ von Andreas, dem Urgestein von MANGO. Anschließend Handschlag mit jedem. Es folgte noch eine etwas abgespecktere Form der Verabschiedung durch eine Frauengruppe, auch eine Delegation, die wir ja eigentlich schon vor ein paar Tagen bei uns war. Und dann: Packen!

(Fortsetzung folgt)