MEINE REISE NACH KOOLO HINDE/GUINEA (8)

 In Allgemein

TAGEBUCH-PROTOKOLL 27.01.2017 – 18.02.2017

Radiusfraktur-Versorgung (1)

10.2. Freitag. Ach, was hat das Bier jetzt gut getan!! In der Unterkunft, nach einem arbeitsamen Tag. Es ist heute eher schwül, diesig, bewölkt und sehr heiß. Und jetzt noch die „Dusche“, sehr erfrischend, ich könnte mich jetzt auch hinlegen und ruhen. Ich habe gerade Thomas Rieder eine Telegram-Nachricht mit Foto geschickt. Ein Bild von einer afrikanisch versorgten Radiusfraktur einer älteren Dame, die sie uns auf der Straße zeigte. Die Schienung bestand aus knapp 20 cm-langen flachen Ästen, bzw. zugeschnittenen Palmblattkernen, welche über ein auf der Haut liegendes Tuch längs mit einer Schnur verbunden waren, sodass über die ganze Strecke des Unterarmes ein zirkulär fixierender Verband resultierte, allerdings unter Vermeidung einer Ruhigstellung der benachbarten Gelenke. Endlich ein orthopädisch-unfallchirurgischer Fall, der zumindest als Anschauungsmaterial dienen konnte, und damit Thomas der richtige Adressat war! Heute gab es ansonsten zuhause keine Geburtstage, derer ich gedenken müsste. Der Tag begann wieder früh. Ich habe mich sofort nach dem Wachwerden um 6.56 h ins freie Bad begeben und fertiggemacht. So ist das Aufstehen doch etwas angenehmer, als sich im Halbschlaf noch ständig rumzudrehen. Zum Frühstück gab es dann wieder Omeletts. Die Köchinnen haben ein Gespür für unsere Vorlieben! Zur Frühvisite bin ich auch wieder mitgegangen. Es verzögerte sich im OP, bis wir beginnen konnten. Die Visiten erscheinen zeitweise wie eine Qual. Nicht nur die Tatsache, dass viele „Zimmer“, Räume überbelegt sind, die Fenster(-läden) sind meistens verschlossen. Es ist dunkel, stickig bis stinkend, auch die Schmerzabfrage „No musade?“ nervt mittlerweile. Dann hält Bailo zwischendurch Konversationen, die kein Mensch (keiner des visitierenden Medizinpersonals) versteht. Wichtig? Unwichtig? Relevant für die Visite? Dem 10-jährigen Mädchen mit der großen Thoraxwandlipom geht es zwar nicht schlecht, aber es bewahrheitet sich ein Wundabszess. Wir revidieren es noch vormittags. Sonst hatten wir noch keine größeren Komplikationen, bis auf ein Sekundärheilung einer Leiste. Das unterscheidet uns von Team 1, von denen wir auch jetzt noch zahlreiche Sekundärheilungen nebenher stationär und ambulant versorgen. Das wird natürlich auch ein Problem, wenn wir am Dienstag abreisen. Einige können sicher noch in der Station weiterbehandelt werden von Camano und dem Augenpfleger aus Dabola. Andere aber müssen nach Hause, ziehen das wahrscheinlich einer „Weiterbehandlung“ vor Ort vor (für die sie evtl. noch Geld zustecken müssten). Dem Patienten vom Vortag mit den Unterschenkelnekrosen haben wir heute eine linksseitige Oberschenkelamputation vorgeschlagen. Er ist aber nicht einverstanden und hofft auf konservative Besserung. Mein OP-Programm heute: Saidou Omar Bah 4 J., Skrotalhernie; Aissatou Bah 10 J., Revision Thoraxlipom; Mamadou Dona Diallo 60 J., Skrotalhernie; ElH Mustafa Bah 77 J., Leistenhernie (Progrip); Dourou Bobo Barry 55 J., Skrotalhernie; Mamadou Diuldu Diallo 53 J., Leistenhernie. Die Jahresangaben ihres Alters sind häufig nur geschätzt. Diese Patienten sind nirgendwo richtig registriert. Oder wieder: das Zeitgefühl ist ein anderes! In der Sprechstunde bei unserem Gynäkologen Karl war heute eine junge schwangere Frau, die mit offiziellem Brief von der Sozialabteilung der Distriktverwaltung geschickt wurde. Zum Ultraschall. Karl stellte einen seit mindestens 6 Wochen toten Fötus fest und leitete die Wehen medikamentös ein. Mal sehen, wann es kommt.

Koolo Patientenhaus. (2)

11.2. Es ist bereits 0.37 h, also bereits Samstag. Ich war mit Angelika am Terrassenrand bei Vollmond noch ins Schwatzen gekommen: Guinea, Koolo Hinde, die Menschen hier, die Widersprüche im Land, die Korruption, die Widersprüche zu „unserer“ Welt. Am Montag, am Aufräumtag, wollen wir noch die Schule des Ortes besuchen. Die Schule hat auch ein Sonnenpaneel von MANGO; auch zwei Lehrer wurden von MANGO eingestellt. Aber z.Z. streiken die Lehrer in Guinea, weil sie wohl ihr Gehalt nicht bekommen. Dabei ist die Bildung hier in Guinea so dringend nötig, dass alles andere zurückstehen könnte. Ich bin gespannt auf den Besuch. Der Samstag war wieder ein arbeitsreicher Tag, 35° C. Man hat den Eindruck, dass es langsam wieder heißer wird. Die Regenzeit beginnt im Mai. Die Mangobäume, die jetzt so schön blühen, tragen ab April reife Früchte. Bailo sagt, dass dann von den reifen Früchten die Äste der Bäume soweit auf den Weg runterhängen, dass man nicht mehr drunter herlaufen kann. Heute hat Simone uns gezeigt, wie man Ingwersaft herstellt. Der Ingwer wird dazu im Mörser feingestampft/gerieben und ins Wasser gegeben. Dazu kommt eingeweichte Tamarine, die auch als Konzentrat dazugegeben wird. Die Zuckerzugabe war reichlich. Und dann kommen noch Zitrone und evtl. Ananas hinzu. Jeden Tag hatten wir mindestens zwei 1½ l-Flaschen auf dem Tisch stehen. Im OP war einiges los. Der Mann mit den Unterschenkelnekrosen wollte sich jetzt doch amputieren lassen. Wir mussten die OP aber auf den Sonntag verschieben, da das OP-Programm heute zu vollgepackt war. Zum Ende hin drängt es sich dann immer. Meine OP’s: Ibrahim Bah 2 J., Skrotalhernie (Bruchinhalt Appendix); Abdullaye Baldé 38 J., große Struma, Abdullaye Diallo 38 J., zwei große Lipome; Dann noch in Narkose/Sedierung Wundspülungen bei zwei Kindern: Mariama und Aissatou. Die Struma konnte ich mit Karl in erster Assistenz machen. Es ist nicht einfach für einen Gynäkologen, etwas komplexere chirurgische Eingriffe zu assistieren, wenn man es nicht gewöhnt ist. Karl musste zudem am Vorabend mit einem OP-Trupp runter, weil die junge Frau mit dem toten Fötus wohl erfolgreich Wehen hatte. D.h. als der Trupp ankam, war das tote Kind schon geboren und von den Angehörigen „entsorgt“. Auch eine Kürettage war nicht mehr nötig, da die Placenta komplett abgegangen war. Ich sah die Patientin heute bei der Visite. Sie machte keinen geknickten Eindruck. Wahrscheinlich hatte sie schon länger gefühlt, dass ihr Kind sich seit sechs Wochen nicht mehr bewegte. Allgemein haben die Menschen hier ein anderes Verhältnis zum Tod. Nach den Erzählungen von Geli war früher schon einmal ein Kind an den Komplikationen einer Operation verstorben. Die Eltern nahmen ihr Kind danach tot entgegen und bedankten sich noch zum Abschied.

2017-02-07 Koolo Das Dorf (5)

Nach Schilderung von Andreas sind wir jetzt sozusagen die dritte Generation von OP-Teams. Alimou Barry mit seinen Leuten hat das Projekt inauguriert. Damals wurde noch alles in örtlicher Betäubung, ohne Narkose operiert, bis sie anfingen, mit Anästhesisten Spinalanästhesie zu machen. Mit der zweiten Generation (hier zentral eine Bitburger Gruppe) kam auch die Möglichkeit, routinemäßig Narkose-Operationen durchzuführen. Dann kam die Höchster Truppe hinzu und Andreas, der nach Immenstadt wechselte, brachte eine Truppe von dort mit. Dazu gehörte ein Anästhesist Matusch (?), der „aus jedem Blatt und Wässerchen eine Narkose zauberte“. Dann auch der Proktologe Leder, der sich sogar in die Operationslehre von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten reinarbeitete. Geli schlug vor, in Stichworten Verbesserungsvorschläge zu notieren. Wo sind heute die spielenden Kinder?

(Fortsetzung folgt)