MEINE REISE NACH KOOLO HINDE/GUINEA (7)

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TAGEBUCH-PROTOKOLL 27.01.2017 – 18.02.2017

2017-02-06 Koolo Srechstunde (7)

8.2. Mittwoch. Wie schön ist es, immer wieder mit Whatsapp u.ä. Kontakt mit zuhause zuhaben, telefonieren zu können. Meine einheimische Sim-Karte ist mit 100.000 GFR aufgeladen und scheint grenzenloses Guthaben bereitzustellen. Heute haben David in London und Harald in Rödermark Geburtstag. Meine Whatsapp-Grüße werden offensichtlich registriert. David wird/würde gut 50 Tage zu Fuß und 2 Stunden auf dem Schiff unterwegs sein von London nach Koolo Hinde. Seine gesendete Karte weist 6300 km auf. Harald will unbedingt mehr Bilder und staunt über den Einsatz. Heute ist wieder ein arbeitsreicher Tag. Zunächst wieder meine OP’s: Thierno Sadou Barry 8 J., Skrotalhernie; Mamadou Saidu Sow 55 J., Hemithyriektomie; Ibrahima Diallo 50 J., Leistenhernie (Progrip); Daouda Sidibé 63 J., große Skrotalhernie; Kerno Ibrahima Diallo III.° Hämorrhoiden. Die Sprechstunde fand wieder im „Poste“ statt und die Helfer haben es heute tatsächlich so organisiert, wie Bailo es ihnen vorgegeben hat: Die OP-Aspiranten warten vor dem Gebäude, an dessen Ende der sonst immer verstopften Fluren eine Tür nach draußen war. Durch die eine Tür müssen die Patienten einzeln eintreten. Dabei passieren sie eine den Eingang versperrende Bank. Nach der Konsultation verlassen sie über die gegenüberliegende Tür das Gebäude. Sie erhalten als Ergebnis der Untersuchung eine kleine Karte, mit der sie sich im OP-Falle wieder ausweisen müssen. Oder sie kommen mit dieser Karte im nächsten Jahr wieder. Im OP-Falle wird auch eine DIN A5-Karteikarte angelegt, auf der ihr Name, Alter, Geschlecht, Diagnose, Befund, OP-Tag und Ergebnis der anästhesiologischen Untersuchung (Gewicht, Temp., Kardio-pulmonaler Befund) vermerkt werden. Die Schleusenregelung entspannt für uns, aber auch für die drängenden und vordrängenden Patienten die Lage. Eine Sache läuft aber immer noch nicht so, wie Bailo es will: Es kommen zu viele alte Männer (> 50 Jahre) und auch zu viele aus einem bestimmten Dorf. Die Helfer selektieren offensichtlich zu subjektiv (erfolgt Nachhilfe?). Die gesellschaftliche Moral und die Dorfhierarchie gebietet zwar entsprechenden Respekt vor den alten, den älteren Männern; sie haben Vortritt! Bailo will aber besonders Kinder und junge Menschen operiert wissen. „Das ist die Zukunft Guineas“ sagt er immer wieder. Aber heute bemerkt er auch, dass er mit dieser Einstellung schon zu deutsch ist. Die Namen der Patienten sind häufig ähnlich. Wenn vor dem Namen ein ElH steht, heißt das El Hatsch, d.h. der Betreffende war in Mekka und genießt von daher noch besonderen Respekt. Nach Abschluss gehen wir zur Brunnenanlage. Wir kommen zunächst an der alten, staatlich subventionierten Brunnenanlage vorbei, die schon Jahre nicht mehr funktioniert. Ein paar Schritte weiter kommen wir an ein Zaungatter, hinter dem abgeschlossen die solarbetriebene, von MANGO errichtete Brunnen-Pumpanlage liegt. Diese versorgt neben dem OP-Trakt auch noch die Schule. Bailo weiß viele Geschichten über die Schwierigkeiten des Baus, der Instandhaltung und Reparatur zu erzählen. Ab heute wird schon die Rückfahrt organisiert. Das ist auch dringend notwendig, wenn man sich die Erlebnisse unserer Anreise vergegenwärtigt.

Koolo offener Processus vag.testis (4)

9.2. Donnerstag. Nachtruhe ausgedehnt bis 7.15 h, halbwach, dann Badlücke errochen. Wie ich telefonisch heute nachmittag Jutta mitgeteilt habe, freue ich mich besonders auf ein Glas Rotwein und eine richtige Dusche. Heute hatten viele Menschen zuhause Geburtstag, allen habe ich Nachrichten mit Bildern von hier gesandt. Eine SMS an Regine Ritter – ob diese durchgeht, weiß ich allerdings nicht. Die Morgenvisite hat James übernommen, da ich die Abendvisite gemacht habe. Dadurch konnte ich mit meinen Kinder-OP’s früher anfangen (wenn die Anästhesie einen Venenzugang gefunden hätte, wäre der Plan auch aufgegangen!). Dann sah mein Programm folgendermaßen aus: Oularou Saiyon 6 J., Leistenhernie; Mamadou Oury Diallo 2 J., Leistenhernie; Mamadou Salion Condé 7 J., Leistenhernie und Hydrocele; Ibrahima Sow 62 J., Leistenhernie und epigastrische Hernie. Dann stand noch eine Riesenstruma auf dem Programm, die allerdings erhöhte Temperaturen entwickelte. Deswegen wurde erneut die Indikation diskutiert. Bei erneuter Untersuchung der Patientin stellte sich heraus, dass die über der vermeintlichen Struma prall gespannte Haut infiziert war, ad perforationem eines Abszesses! Dadurch entschlossen wir uns, zunächst den Abszess zu eröffnen und die Strumasanierung später vorzunehmen. Bei der dann durch James vorgenommenen Operation stellte sich jedoch heraus, dass diese gesamte Pseudo-Struma von praeaurikulär über beide Claviculae und das obere Sternum einnehmend eine einzige Abszesshöhle bildete. Uiii! Ein weiterer Fall für unser Gruselkabinett war vor der OP-Trakt ein Mann mittleren Alters, der sich im Sitzen fortbewegte und beide Unterschenkel afrikanisch verbunden hatte. Wir nehmen uns heute seiner an und baden die teilweise abgelederten Unterschenkel, entfernen Schmutz, Hautblasengewebe, Nekrosen. Schaumplatten werden aufgelegt und der Patient in die Station aufgenommen. In der Verbandssprechstunde erfolgte dann noch die Nachschau zweier Hämorrhoiden-Patienten, die entlassen werden konnten. Die Visiten am Morgen und am Abend bestehen zum größten Teil aus Schmerzabfrage: „No musade?“, „Tut’s weh?“, Eva hat dann immer die passende Medikation, gibt auch schon mal Vomex i.v. oder Schmerzmittel auch an die Patienten, die gar keine Schmerzen haben. Zumindest sagen sie das und Eva meint dann doch, sie müssten ja Schmerzen haben. Bailo lässt auch gerne noch Schmerzmittel an die Angehörigen geben, die ebenfalls über Schmerzen klagen.

2017-02-09 Koolo Der Schneider (7)

Nach der Arbeit gehen wir wieder beim Schneider vorbei, der seinen Großauftrag von Handytaschen, Blusen, Röcken und Umhängetaschen fleißig bearbeitet. Natürlich sind wieder viele Kinder mit reingekommen. So mache ich fleißig Fotos, da ich selbst für den Couturier keinen Auftrag habe. Meinen auf dem Großen Markt in Dogomet erstandenen Stoff (120×530 cm aus Sierra Leone) werde ich unbearbeitet in die heimatliche Schneiderwerkstatt mitnehmen. Die Werkstatt des Schneiders ist auch in einem Teil eines festen Stein-„Hauses der Jugend“ untergebracht, welches ebenso mit Strom aus Sonnenpaneelen versorgt wird. So kann er Tag und Nacht arbeiten. Wenn wir wieder weg sind, kann er dann mit den Einnahmen drei Monate auf die Insel ;-)).

(Fortsetzung folgt)