MEINE REISE NACH KOOLO HINDE/GUINEA (6)

 In Allgemein

TAGEBUCH-PROTOKOLL 27.01.2017 – 18.02.2017

2017-02-05 Markt in Dogomet Mango (2)

6.2. Montag. Gleich vorneweg: Heute habe ich Simones Bruder operiert, Lipom am Nacken. Im OP habe ich heute morgen auch erschrocken bemerkt, dass ich Geld in meiner Hose gelassen habe, die ich am Vorabend in den Wäschekorb gelegt habe. Über Bailo wurde Didi nach oben geschickt um die Verlustmeldung weiterzugeben. Ich habe zwar von Didi nicht erfahren, ob es geklappt hat. Abends hat sich die Sache aber aufgeklärt. Von einer Küchenfrau erhielt ich das Geld und einen Zettel, auf dem stand: Im „Pantalon Kaki“ wurden in der „poche“ 226.000 GFR gefunden und in einer grünen Hose 2 €. Der OP-Tag nach dem freien Sonntag war durchwachsen. Mein Programm: Thierno Yaya Barry 10 J., Skrotalhernie; Hatota Diallo Lipom Nacken (s.o.); Aly Doumbaya Riesenskrotalhernie. Zwischendurch schicke ich Ben, meinem Arabischlehrer in Dietzenbach, mein Bild vom gestrigen Markt, wo ein Junge mir eine arabische Schrifttafel zeigte und ich versuchte sie vorzulesen. Gemeinsam schafften wir den Text einer Sure. Ben antwortete tags drauf, freute sich riesig und übermittelte sogar Sprachnachrichten. Es handelte sich um eine alte Kufi-Schrift. In der Sprechstunde erfolgt zunächst die Nachschau der proktologischen Patienten: erstaunlich unkomplizierte Verläufe, Schmerzen in Grenzen, Nachbehandlung eher durch zu wenig Wasseraufnahme erschwert. Dann kam eine relativ junge Frau mit einem monströsen Tumor am Rücken/Flanke, links oberhalb des Beckenkammes fand sich ein Fußball-großer exulzerierter Tumor, nekrotisierend, fibrinbelegt, nässend und stinkend, Maden bewegten sich über die höckerige Oberfläche. Eine von cranial in die durch den Tumor durchbrochene Haut mündende Narbe deutete auf ein Rezidiv hin, Voroperation sei angeblich vor 5 Monaten gewesen, Fotos waren vor zwei Wochen in einer anderen Sozial-Station (Krankenhaus?) angefertigt worden. Da war der Tumor noch deutlich kleiner. Aufgrund des gut 10×10 cm großen Hautdefektes und der auch unter der intakten Haut sich vorwölbende Tumor, der fixiert auf der Muskulatur nicht verschieblich war, aufgrund auch der Blutungsgefahr entschließen wir uns, nicht zu operieren. Ein Abtragen im Hautniveau würde der Patientin zwar eine kurzfristige Gewichtserleichterung einbringen (wenn eine drohende Blutung beherrscht werden kann), aber ein weiteres explosives Wachstum wäre wohl die Folge. Ein weiteres Beispiel für das medizinische und dadurch menschliche Gruselkabinett! In der Kindersprechstunde kommen noch ein paar Jungs mit Leistenbrüchen (alles offene Processus vag. testis). Ein Junge hat angeblich Analprobleme. Schon sein Alter zu erfragen, brachte Probleme. Der Vater sagte, sein Sohn sei 14 Jahre, was uns aber nicht nachvollziehbar war. Nach genauerem Hinterfragen einigt man sich dann auf 8-10 Jahre. Wir erleben ein weiteres Beispiel dafür, dass viele Menschen hier kein wirkliches Zeitgefühl haben. Jedenfalls nicht so, wie wir es gewohnt sind, an einem Chronometer orientiert. Schon am Vortag die Verabredung zu Abfahrt auf den Markt um 10.30 h konnte eigentlich nicht funktionieren, da die Menschen keine (uhr-) zeitliche Orientierung haben. Die Orientierung erfolgt am Sonnenstand, am Mondverlauf, an den Vegetationszyklen, am Ruf des Muezzins. Die große Leistenhernien-Operation heute mit dem Hodensack bis zum Knie habe ich mit Unterstützung von Karl gemacht. Der „Stage“ aus Conakry (Ablay Taran Diallo) hat auch geholfen. Es dauerte eine lange Zeit, bis der gesamte Dünndarm wieder in die Bauchhöhle vorsichtig reponiert war. Karl musste dann auch abtreten und seine vaginale HE in Saal 2 operieren. James half weiter, zum Glück. Ablay Taran alleine ist, obwohl er schon eine ärztlich-chirurgische Ausbildung hat, mit der Assistenz in erster Hand noch überfordert.

2017-02-06 Koolo Im Camp (1)

Zur Begrüßung in unserer Unterkunft gab heute es kleine Küchlein, auch Ölgebackenes, aber nicht so fettig und süß wie die Beignets. Außerdem wurden uns unabhängig voneinander von dankbaren Patienten zwei lebende Hühner gebracht. Eines ist zumindest von einer Gehbehinderten, die von einem ausrangierten Rollstuhl von Geli profitierte. Das andere Huhn kam von einem Nachbarn, der sich dafür bedankte, dass Patienten postoperativ bei ihm untergebracht waren. Es ist ganz natürlich und normal, dass Patienten, die nach der Operation nicht mehr länger im Patientenhaus untergebracht sein müssen, im Dorf, bei Dorfbewohnern untergebracht werden. Viele haben eine weite Reise z.B. auf dem Motorrad nach Hause vor sich und können noch nicht, z.B. drei Tage nach einer Hämorrhoiden-Operation, diese Strapazen auf sich nehmen. Die Betten im Patientenhaus waren bei der hohen OP-Frequenz rar geworden. Es kam deswegen auch vor, dass weitere Matratzen eingeschoben wurden oder in einem Bett zwei Patienten lagen. Häufig waren auch noch Angehörige mitgekommen, die für die Verpflegung sorgten, oder Kinder mit Eltern. Es gelang nicht immer, die Patienten geschlechtsgetrennt unterzubringen. Nach der heutigen Abendvisite war für mich der Begrüßungs-GinTonic ein Geschenk des Himmels. Wir saßen dann wieder bis 1 Uhr auf der Terrasse (ich mit Andreas und Tina). Apropos Himmel: Der Nachthimmel ist afrikanisch genial. Es war ja auch Vollmond. Dann kann man sich wirklich ohne Taschenlampe gut orientieren. Müdigkeit und gesunkene Temperaturen beendeten den Abend in der netten Runde. Die Geschichten von Andreas über Koolo Hinde, Guinea, Immenstadt, sein Haus& Garten, seine Kinder nehmen kein Ende…

2017-02-07 Koolo Das Dorf (11)

7.2. Dienstag. Bergfest!!! Noch 6 OP-Tage vor uns, schon 6 OP-Tage hinter uns. Sonst fällt mir jetzt, um 8 h vor dem Frühstück nicht Schreibenswertes ein! – Dafür gibt es jetzt vor dem Abendessen umso mehr! Simone brachte mir das als pulverisiertes Gewürz und als Paste zubereitete Piment vom Grande Marché (schärfer geht’s nimmer). Wir waren nach der Arbeit gerade mit einer Gruppe und Bailo durch das Dorf gegangen, an der Moschee vorbei (die einen eigenen Brunnen und ein Solarpaneel hat), haben an einer Wohnhütte angehalten (man gab uns die schönen Arachides – Erdnüsse – und lud uns ein, die Hütte zu besichtigen, s.u.), gingen über einen kleinen Bach, an dem gewaschen wird, und weiter ins Tal an Feldern vorbei zu einer größeren Wasserstelle, die von einem frischen Bachlauf gespeist wurde, der in Kaskaden einen Abhang hinunterfloss. Hier war ein natürlicher See entstanden, in den die uns begleitende Kinderschar sich kopfüber reinstürzte. Wir verweilten ein wenig und Bailo war stolz auf die Schönheit seiner Heimat. Schon am Vortag schwärmte er von seiner glücklichen Kindheit, die er zwar nicht hier verbracht hatte, sondern in Leissa (?). Er ist auch nicht in Koolo Hinde geboren. Aber sein Vater kommt hierher, also ist es seine Heimat (die Regel in Guinea). Die Umgebung der besuchten Hütte war unglaublich sauber angelegt und gepflegt. Um die Rundhütte herum (doppelwandige Lehmwände mit Strohdach) war mit einzelnen Steinen oder Baumstämmen ein kleines Areal abgegrenzt, „eingezäunt“, welches augenscheinlich zu Hütte gehörte. Die Erde war in diesem Bezirk blitzeblank gekehrt. Der Mann lud uns auf die Frage von Julia in die Hütte ein. Zwischen beiden Lehmrundmauern war ein 50-80 cm breiter, „klimatisierter“ Zwischenraum, der als Speicherraum fungierte. Im kreisrunden Innenraum stand auf der einen Seite ein großes Bett und auf der Gegenseite war das Halbrund ausgefüllt mit vielen bunten, bis zur Decke gestapelten Töpfen. Auf der Gegenseite vom Eingang ging es durch eine weitere „Tür“ wieder nach draußen auf ein Fleckchen Erde, welches viereckig mit einem Zaun aus Reisig eingezäunt war und in dem ein kleines Gärtchen angelegt war. Zur Hüttenanlage gehörte noch ein etwas abgelegenes „Toiletten“-Hüttchen. Manche hatten auch noch einen käfigartigen Hühnerstall. Auf dem kleinen sauberen Platz vor der Hütte war die Feuerstelle. Die Feuerstellen waren meist in Dauerbetrieb. Von der Seite werden dickere Äste/Stämme immer soweit vorgeschoben, dass die Glut erhalten blieb, bzw. das Feuer lodern konnte.

2017-02-07 Koolo Im Camp  (1)

Der vorangegangene Arbeitstag war bei sehr heißen Temperaturen anstrengend. Meine OP’s: Aissatou Bah 10 J., großes Thoraxlipom; Mariana Barry Sekundärnaht nach Halszyste; Onuar Diallo 25 J., Hämorrhoiden-OP; Thierno Rami Barry 42 J., Rezid. Epigastrische Hernie. Nach Frühstück und Morgenvisite kommt man mit den OP’s immer genau in die Mittagshitze. Da alle OP’s von Leistenhernien und Strumas, auch von Lipomen oder anderen Tumoren in der Regel wesentlich ausgedehnter als bei uns gewöhnlich sind, kosten sie richtig Kraft und Konzentration. Die schlechten Lichtverhältnisse und die nicht immer optimale Assistenz treiben dann auch noch den Stressfaktor in die Höhe. Aber die Herzlichkeit der Menschen (Patienten und Personal) belohnen auf der anderen Seite die Mühen. Ein schönes Beispiel für die große Dankbarkeit: Heute abend bringt eine Delegation der dörflichen Frauenvertretung zwei große Schüsseln Erdnüsse, mit denen sie sich ganz offiziell für die Arbeit von MANGO bedanken. Eigentlich wundere ich mich auch, wie wenig mir im Endeffekt die eigene „Arbeit“ ausmacht, obwohl ich doch seit fast drei Jahren nicht mehr in dieser Intensität der chirurgischen Tätigkeit nachgehe.

(Fortsetzung folgt)