MEINE REISE NACH KOOLO HINDE/GUINEA (5)

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TAGEBUCH-PROTOKOLL 27.01.2017 – 18.02.2017

Koolo Mango Patiententransport

4.2. Samstag – eigentlich schon eine Woche vergangen, durch die Anreiseprobleme aber erst der 5. OP-Tag heute. Trotzdem schon so etwas wie Bergfeststimmung. Morgen ist Sonntag, OP-freier Tag und es ist ein Ausflug zum Großen Markt in Dogomet geplant. Wir werden schon mal eingestimmt, wie wir uns gegen Diebstahl schützen sollen. Der Besuch ist aber ein MUSS. Alternativ könnte eine Wanderung auf einen der nahegelegenen Berge erfolgen. Der Vorschlag zieht aber nicht richtig. Nur Andreas will zu Hause bleiben, da er den Markt schon zur Genüge kennt. Nach einer Woche braucht man wirklich zur Regeneration v.a. Ruhe. Der heutige Tag war wieder sehr arbeitsam. Rein operativ: Mamadou Barry (endlich der Richtige), 3 Jahre, große Skrotalhernie bds. (fürchterliche OP); Boubarcar Barry, 10 J., Skrotalhernie; Mamadou Bah, 13 J., Skrotalhernie; Abdou Gadion Barry, 63 J., Leistenhernie bds.. Heute bin ich mit meiner operativen Leistung nicht wirklich zufrieden, Gerade die kindlichen Hernien waren so groß und damit teilweise unübersichtlich, dass die Versorgung teilweise fraglich war. Dazu kamen Anästhesieprobleme bei beiden Kindern und Instrumentenprobleme (Pferde statt Kinder). Eigentlich ist die instrumentelle Ausrüstung erstaunlich gut. Aber viele gleiche Operationen hintereinander machen dann schon Probleme. Ich sollte mir den Instrumententisch vor jeder OP anschauen! Auf der anderen Seite gibt es Einmal-Monokauter, die anscheinend billiger sind! Dann die Stapler für die Hämorrhoiden, teures Instrumentarium, welches man billiger bekam. Die Stapler haben wir trotzdem noch nicht benutzt. Alle proktologischen Patienten wurden bisher konventionell versorgt und allen geht es bisher gut. Ich habe auch 4.°-Hämorrhoiden gut mit Milligan-Morgan versorgt. Heute war mal eine kleine Maus im OP1. Hat aber eher zur Belustigung beigetragen. Die Sprechstunde lief heute den ganzen Tag nebenher, allerdings eher als Verbandsprechstunde von Karl. Die „Poste“-Sprechstunde soll heute ausfallen. Die letzten Plätze für die wenigen Lücken im OP-Programm der folgenden Woche sollen Montag/Dienstag gefüllt werden. Bailo will auch heute schon nach Dabola (es gibt auch Dalaba?), Verwandtschaft besuchen und erst Sonntag abend wieder zurückkommen. Der Informatiker von der KfW-Bank in Deutschland Bailo ist hier unter den Leuten auch der Dr.Bailo. Er organisiert alles, erklärt den Leuten ihre Krankheiten, die Operation und die Nachbehandlung. Die Wetter-App zeigt für Dabola z.Z. (23.53 h) 22°, wolkenlos. Wir sind von der Terrasse reingegangen. Es schien hier doch deutlich kühler als die 22°. Das empfand ich aber eher als angenehm. Nur noch Andreas und ich haben bis zum Schluss durchgehalten, nein – es saß ja den ganzen Abend noch der Junge neben mir, der von der Abendvisite mitgekommen war. Er ist tagsüber auch im OP-Zentrum, verschließt die Türen und macht kleinere Hilfsdienste, besonders für Didi, den „Hausmeister“. Didi transportiert nach den OP’s die Patienten auf einer Liege ins Patientenhaus, holt sie vorher in den OP mit der Karteikarte. Er hat ein festes Monatsgehalt von MANGO (50 €) dafür, dass er die ganze Anlage über das Jahr bewacht und in Ordnung hält. Von dem Geld konnte er sich schon eine zweite Frau leisten. Die Matratze dazu hat er allerdings – wie böse Zungen behaupten – im „Poste“ mitgehen lassen. MANGO hatte gerade neue Matratzen besorgt. Es ist auch nicht die einzige, die fehlt. Neben diesen beiden genannten „Angestellten“ sieht man, bzw. arbeiten noch etliche andere im OP-Trakt rum, Frauen für die Reinigung, für den Steri, eine oder zwei Hebammen in der Gyn-Sprechstunde etc. Die Namen sind mir noch fremd. Neu in die Sprechstunde zwischendurch kam ein junger Mann (Bailo sagte, er hätte ihn zwar belogen, aber ihm auch sein Problem gezeigt), der vor 2½ Jahren hier irgendwo an einer perforierten Appendizitis operiert worden war. Bei offensichtlich sekundärer Wundheilung hatte sich eine narbige Einziehung entwickelt und in deren Mitte befand sich jetzt wie frisches Granulationsgewebe. Es stellte sich aber heraus, dass dieses Gewebe Darmschleimhaut ist. Es bestand also eine coeco-cutane Fistel, ein Pseudostoma, über welches manchmal Speisereste entleert wurden. Ich hätte ihn gerne noch operiert, wäre aber vom OP-Programm erst Mitte/Ende der kommenden Woche möglich gewesen und damit die Nachbeobachtungszeit zu kurz. Der Nachhauseweg ist wieder kinderbegleitet. James war schon vorgegangen, er war heute auch ganz schön fertig. Als uns das Kindergeschrei vor unserer Terrasse zu viel wurde, zogen James und ich ins Haus um und unterhielten uns ausführlich über häusliche und persönliche Dinge. James hat zwei Kinder (81 und 83 geboren), war mit einer Israelitin verheiratet, von der er schon lange Zeit getrennt ist. Sein Sohn wohnt in Offenbach, was primär ja nichts Schlechtes ist 😉 James kannte Rainer auch bereits, aus der Migranten-Versorgung in Frankfurt, eine von ihm geleitete, von den Maltesern getragene Einrichtung zur medizinischen Versorgung sog. Illegaler; also der Menschen, die hier in Deutschland nicht gemeldet sind.

2017-02-08 Koolo Das Dorf (2)

Die Entwicklung der MANGO-Geschichte hier in Koolo ist interessant. Unter welchen Bedingungen MANGO hier angefangen hat (z.B. ohne Strom), ist mit der heutigen Situation nicht mehr zu vergleichen. Gerade die Stromversorgung mit Generator und Sonnenpaneelen hat viel verändert. Anfangs kam es vor, dass während einer Struma-OP der Strom ausfiel, weil z.B. der Steri angestellt wurde. Das ist ja nett! Jetzt sitze ich im Speiseraum, diagonal in zwei Ecken eine Wandleuchte (LED). In allen Zimmern befinden sich Lichtquellen und Steckdosen. Fließendes Wasser gab es hier oben früher auch, als eine solargetriebene Pumpe das Wasser von unten hochbeförderte. Das System ist irgendwann zusammengebrochen, wegen Bedienungsfehler während der Abwesenheit von MANGO. Darum bringen jetzt die fleißigen Frauen immer das nötige frische Wasser aus einem Brunnen auf dem Gelände in Eimern ins Haus. Damit werden große Tonnen in den Badräumen gefüllt. Auch heißes Wasser gelangt so in die Bäder. Es stammt aus einem großen gusseisernen Topf in der offenen Küche, der immer auf einer Feuerstelle steht. Im Speiseraum steht auch jeden Tag eine große Schüssel mit frischen Apfelsinen und Zitronen. So kann man sich immer frischen Saft pressen (oder pressen lassen, wenn man so pressfaul ist wie ich. Danke Geli!). Deswegen trinke ich auch lieber verdünnt den Ingwersaft, der auch immer frisch als Konzentrat in den Coya-Flaschen steht (Mineralwasser). Ebenso wie der einheimische Honig. Dann stehen noch zwei Wäschekörbe im Raum, für die zu waschende und die gewaschene Wäsche. Meist von einem auf den anderen Tag erhält man seine frische Wäsche zurück. Mittlerweile ist Sonntag der 5.2.! FREI-Tag! Bailo hat für uns zum Frühstück Omeletts und Beignets (wie Krapfen) bestellt. Gegen 11 h soll es losgehen mit zwei Autos. Das eine (ein Discovery) steht bereit, ist immer vor Ort (Transport von Waren vom Lager zum OP), das andere wird vom Metzger (!) kommen.

2017-02-05 Koolo-Dogomet  (6)

5.2. Ja, es ist Sonntag und ich bleibe bis 8.00 h im Bett. Es soll erst um 10.30 h losgehen. Ich erwische eine schnelle Lücke im Bad. Nachher besichtige ich die Küche, in der die versprochenen Omeletts und Spiegeleier bereitet werden. Auf einem der drei Feuerstellen kocht Bui (Hirse). In zwei Schüsseln liegen die kleinen Doraden für unser Abendessen: aus Conakry. Andreas und Anne-Marie waren schon joggen, 6-7 km. Eigentlich schon ganz schön warm um 9.00 h. Anne-Marie hat einen knallroten Kopf. Beide meinen auch, dass die Krampfneigung deutlich erhöht ist. Vielleicht enthält unser Cohay-Wasser nicht die gewohnte Menge an Spurenelementen: Aber „Contient parfaitement à l‘alimentation des enfants en basâge.“ Heute früh geht eine andere Gruppe zur Visite. Zeit für’s große Geschäft, für’s Schreiben. Tina ruft – ich muss noch ihr Sprunggelenk wickeln. Mache ich bereits seit einigen Tagen, da sie sich noch vor dem Abflug eine Distorsion angelacht hat. Und es sieht wirklich nach mindestens einer Überdehnung des vorderen Bandanteils aus. Zum Frühstück stehen tatsächlich die frischen Beignets auf dem Tisch und später kommen die Omeletts und Spiegeleier. Ansonsten wie gehabt. Bis es richtig losgeht, sind die Eier schon abgekühlt. Die Abfahrt nach Dogomet verzögert sich auch, da der zweite Jeep (ein Pajero) erst gegen 11.00 h kommt. Dreiviertel Stunde warten wir jetzt schon in der Hitze, haben Sitzpositionen im bereitstehenden Landrover ausprobiert, auch im „Kofferraum“. Mittlerweile ist auch das Visitenteam wieder zurückgekehrt, obwohl wir sie im Auto abholen wollten. Das Warten wurde ihnen aber auch zu lange. Nach knapp einer halben Stunde Autofahrt, vorbei an ausgedehnten Termitenfeldern, Baobabs, viel Landschaft, nähern wir uns dem Städtchen. Das merkt man auch an der Zunahme des Fußgänger- und Moto-Verkehrs. Alle wollen zum Markt, tragen ihre Lasten, die sie verkaufen wollen, Kinder, Karren, Kühe, in der Hand, auf dem Kopf oder auf dem Rad. Natürlich kommen auch einige schwerbepackte Kombis vorbei, von weiter her. Sobald es mit dem Marktgeschehen an der Straße losgeht, halten wir und parken unser Fahrzeug. Kadiatou gibt uns noch einmal Sicherheitshinweise, als auch das zweite Auto angekommen ist. Man muss immer beim Hintereinanderfahren genügend Abstand halten, da sonst alles in einer roten Staubwolke verschwindet. Das erschwert dem Fahrer nicht nur die Sicht, sondern allen Insassen auch das Atmen. Jetzt heißt es zusammenzubleiben, den Rucksack bäuchlings zu tragen, aufzupassen. Angelika hat heute ihre Prothesen an und wird von Ibrahim im Rollstuhl geschoben. Bei dem Marktgedränge ist das die einzige Möglichkeit, unbeschadet durchzukommen.

2017-02-05 Markt in Dogomet Le Grand Marché (27)

Die ganze kleine Stadt ist ein einziger riesiger Markt, hunderte Stände mit Salz, Schoten, Palmöl, Piment, Gemahlenes für Füße und Körper, Handys und Schüsseln aus Plastik und Blech, Tonnen. Wir halten uns lange an einem Tuchstand auf. Hier wird einiges an Stoff erstanden. Nebenan ist der Apothekenstand. Pharmazeutische Billigprodukte ohne Rezept. Einer läuft mit einem Modellkasten für Zähne rum (aus Shanghai). Es gibt Essensstände mit Hühnchenspießen, Beignets, Getränke. Es gibt eine überdachte kleine Markthalle mit Obst und Gemüse. Es folgt eine kleine Gasse, wo die Schüsseln und Schöpflöffel aus Kalebassen angeboten werden. Hier schlage ich richtig zu. Drei Schüsseln (die größte schafft es nicht bis FFM), zwei Löffel. An einem Ende einer Straße liegt der Viehmarkt, große LKW’s haben die Rinder geliefert, andere sind einzeln kilometerweit von ihren Besitzern zu Fuß gebracht worden. Gleich nebenan ist eine „Lavage Moto“. Die chinesischen Motorräder werden mit Schaumwasser blitzeblank geputzt (für kurze Zeit). In diesem Straßenabschnitt gibt es dann auch Autoteile, Reifen. Die Sonne brennt brutal. Ich hatte mich zwar mit Sonnenmilch geschützt, aber mein Nacken ist rot. Trotzdem entscheiden sich 6-7 von uns zurückzulaufen. Ich kaufe noch schnell zum Abschluss Piment, werde von Kadiatou und Simone begleitet, die mich von einem Stand wegziehen, weil die Verkäuferin zu unflexibel in der Verpackung und das Piment zu teuer ist. Der nächste Stand bietet dafür auch schönere Pimentschoten. Ich kaufe eine ganze Schüssel, zahle 2000 GFR. Simone will mir dies alles zuhause zurecht machen und nimmt die Tüte an sich. Mal sehen, was sie meinte. Ich habe es nicht genau verstanden. Simone ist als eine der wenigen Christin, worauf ihr Name schon hinweist (90% Muslime). Wir gehen los. 10 km liegen vor uns. Das „leere“ Auto mit Simone und Ibrahim hält sich immer kurz hinter uns. Ibrahim steigt irgendwann auch aus und begleitet uns zu Fuß. Er will uns nicht allein gehen lassen. Er hat allerdings auch mindestens ein Auge auf Julia geworfen. Julia hat bewunderswerterweise keine Probleme damit, den ganzen Tag mit einem Hotpants und Trägeroberteil rumzulaufen…Der andere Wagen ist schon vorgefahren. Unterwegs treffen wir eine Gruppe von 6-7 Jungs in blauen und violetten Gewändern. Ibrahim erklärt mir, das seien Frisch-Beschnittene, die zusammen feiern. Buschlager für Initianten gibt es hier in dieser Region wohl nicht (mehr?). Die Zirkumzision findet angeblich in der Gesundheitsstation statt und wird von einem „Arzt“ durchgeführt. Es sind wohl eher traditionelle Beschneider. Gegen Ende der Strecke kommt uns James mit einem Kinderschwarm entgegengejoggt. Tapfer, bei der Hitze. Dann kehrt er um und ist sicher bald wieder zuhause. Es wird ihm gefallen, vor dem Ansturm noch duschen zu können.

2017-02-05 Marsch zu Fuss nach Koolo  (6)

(Fortsetzung folgt)