MEINE REISE NACH KOOLO HINDE/GUINEA (4)

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TAGEBUCH-PROTOKOLL 27.01.2017 – 18.02.2017

2017-02-02 Koolo Im Camp (5)

2.2. Donnerstag. Aufstehen um 6.30 h. Bad bis 7 h erledigt, immer noch alleine. Wunderschöner Sonnenaufgang. Ich schreibe eine Whatsapp an Clara (von ihr habe ich das Buch, das Tagebuch) und Vater und mache etliche Fotos vom Umfeld. Am Vorabend waren wir noch nach unserem obligatorischen Terrassenbeisammensein zu einem Notfall gerufen worden. Unsere beidseitige monströse Struma vom Dienstag hatte Luftnot und Schluckstörungen. Da wir am Mittwoch eine Nachblutung ausgeschlossen hatten, wurde wieder eine medikamentöse Behandlung im OP-Trakt (Suprarenin-Inhalation und Cortison) durchgeführt. Dafür muss immer erst der Generator angeworfen werden. Nach 40 min. ergab die Behandlung Evas eine deutliche Besserung. Die Unterscheidung in psycho- und somatische Ursachen fällt in dieser Umgebung noch schwer. Der neue Tag beginnt dann richtig wieder mit Frühstück und gemeinsamen Marsch zum OP-Zentrum. Nachdem am Vortag erstmals proktologische Patienten selektiert wurden, stehen heute auch drei von ihnen auf dem OP-Programm. Zunächst operiere ich jedoch zwei Kinder (nein, eines hat „abgesagt“, wurde abgesetzt) und anschließend assistiere ich Karl die Laparotomie der vesico-cutanen Fistel nach Sectio vor 5 Wochen. Es bestehen immense Verwachsungen, Karl hat Geschick mit der Problematik umzugehen. Blase und Uterus sind weit nach cranial gezogen und fixiert. Das Licht bei der OP ist ein Problem. Einerseits will ich mit der Stirnlampe sparsam umgehen, andererseits reichen die vorhandenen Stehleuchten auch mit der selbstgebastelten Leuchte von Julia nicht aus. Die Standleuchten im Saal 2 sind besser, wie sich bei den proktologischen OP’s herausstellt. Zwischendurch erfolgt eine Ablösung in der Gyn-Sprechstunde, die sich mittlerweile zu einer Verbandssprechstunde entwickelt hat. Verbände, Spülungen der Sekundärheilungen (immer noch nur vom 1. Team). Unsere eigenen werden auch noch kommen! Karl hat noch wenig zu operieren. Dafür erzählt er umso mehr aus seiner Vergangenheit. Er kommt aus Fulda, hat in Wiesbaden einen Bruder, war in Ravensburg an der Klinik und hat seine Praxis in Sonthofen an einen Kollegen verkauft, der etwas andere Vorstellungen hat. Das Recht der Nachfolger! Den Kollegen Maurus aus Immenstadt kennen natürlich auch alle, den ich als Proktologen schon zweimal an Freunde weiterempfohlen habe. Auch er versteht es wohl, mit den ökonomischen Zwängen einer Einzelpraxis umzugehen. Die beiden Schwestern aus der Klinik in Immenstadt (Anne-Marie von der Anästhesie und Conny vom OP) sind beide ausgesprochen nett, zurückhaltend und fürsorglich. Beide auch sehr sportlich. Conny ist früher viel geschwommen, Anne-Marie läuft, klettert, radelt, wandert. Ihre Fragen, wie es mir geht, schaffen es, mich aus der Erzählreserve zu locken. So ist mittlerweile meine ganze (?) große und kleine Familiengeschichte bekannt, heute abend noch ergänzt durch meine Praxis- und Klinikgeschichte. Mittagessen gab es wieder im „Sozialraum“ des OP-Hauses. In dem Raum befinden sich ein Schreibtisch, ein Esstisch mit 5-6 Hockern, ein Schrank (wo u.a. das Geld gehortet wird, denn dafür braucht man in Guinea viel Platz), ein Regal mit Handwerkszeug und Kisten, eine verschlossene Tür nach draußen und eine Tür zum Klo- und Waschraum, in dem eine defekte Waschmaschine steht und der auch als kleiner Lagerraum genutzt wird. Er hat aber auch wie der gesamte Trakt fließend Wasser. Auf dem Tisch wird das Essen mittags serviert, morgens gibt es bereits Kaffee und Tee. Und immer zwei Schälchen Arachides, Erdnüsse. Nicht immer ist in der entsprechend markierten Kanne auch das richtige Getränk. Manche Küchendamen können nicht lesen. Nach 2-3 mal Pannen und Erklärungen durch Bailo scheint es jetzt zu klappen.

2017-02-02 Koolo Im Camp am Abend (1)

Der Abend bestand wieder (heute etwas früher beginnend) aus dem Terrassenausklang nach der Arbeit (dazu die obligatorische Kinderhorde vor der Terrasse, heute teilweise gemeinsam singend), aus dem Abendessen (Tomatensalat, Spagetti bolognaise, Ingwersaft, frischer Kasten warmes Bier). Das Bier wird immer auf Bestellung spätnachmittags von einem Jungen auf einem Motorrad gebracht, der es durch die Hitze und über staubige Holperwege zur Unterkunft transportiert. Nachher noch die „Spät“-Visite. Die Visite verläuft leider immer etwas chaotisch. James und mir gefällt schon mal auch die späte Uhrzeit nicht. Man könnte sie auch vor dem „Hoch“-Gehen erledigen. Bailo erzählt dann den Patienten meist vieles, was auch nicht ganz nachvollziehbar mit der Visite zu tun hat. Aber ich habe eigentlich auch Verständnis dafür, schließlich ist Bailo kein Mediziner (sondern Informatiker bei der KfW) und organisiert hier den ganzen Tag ein Geschäft, wo es nur um Patienten (seine einheimischen Stammesgenossen und andere) geht, welche operiert werden sollen, die also selbiges von ihm erklärt bekommen und nach der OP wiederum, was sie zu machen und zu lassen haben. Das geht von allgemeinen Weisheiten, viel Wasser zu trinken, bis dahin, wann die Mutter ihr Kind wieder stillen darf nach der OP. Und ständig wird er bedrängt von umlagernden Patienten, sie doch endlich dran zunehmen. Dann gibt es aber noch eine Liste von Patienten, die beim Team 1 nicht mehr dran kamen, Patienten, die es schon 1, 2 und vielleicht 3 Jahre versuchen, bis zur OP vorzustoßen, weiter eine Liste von 10-15 Patienten, die eine befreundete Organisation in Dinguiraye, eine ähnliche Hilfstruppe wie Mango, auf Nachfrage überwiesen hat, nachdem ihr Einsatz beendet war. Zu alledem stehen noch etliche Menschen vor den Häusern, die bittend ihre Riesenstruma zeigen, ihre Röcke zur Begutachtung ihrer Hernie heben, die Achsel mit dem großen Fettgeschwulst freimachen. Ein junger Mann hat auf der Stirn ein solch ausgedehntes Lipom, dass seine Augen teilweise verdeckt sind und.. und.. und… Heute wieder Terrassenausklang bis 0.30 h. Gespräche mit Tina (aus Dresden) und Andreas (aus Halle, Frankfurt/Mainz und Immenstadt), die einzigen, die solange aushalten, über Wagenknecht und AfD, Nordsee-/Ostsee-Urlaube, Elbradweg etc. Immer wieder Neues auch aus der Geschichte von MANGO, Andreas ist schließlich schon 20 Jahre dabei. Alimou Barry fährt nicht mehr mit, ist 67 Jahre und körperlich eingeschränkt. Wenn er kommt, wollen alle hier lebenden Verwandten etwas von ihm haben (Geld und mehr). Ein anderes Thema ist die Nachhaltigkeit des Projektes, die noch nicht geklärt ist. Überlegungen werden angestellt, evtl. mal 3 Teams zu schicken. Oder 4 halbe Teams. Eigene guineische Leuten heranzuziehen ist wohl sehr schwierig. In der (alten?) Satzung von dem MANGO-Verein steht wohl, dass „in 10 Jahren das Projekt von einheimischen Leuten übernommen werden soll“. Das wurde aber bereits vor 20 Jahren formuliert.

Koolo Mango Schilddrüsensprechstunde (0)

3.2. Freitag. Es ist der 4. volle Operationstag. Nach Frühstück und Lagerschau Beginn mit Visite. Unsere komplizierte Strumapatientin ist bei der Visite nicht anwesend, eher ein gutes Zeichen. Ich operiere zwei Kinder mit Skrotalhernien. Bei dem einen Jungen gibt es Identitätsprobleme. Es sollte der vom Vortag sein, der nicht operiert werden konnte, da die Anästhesie keinen Zugang bekam. Jetzt kommt ohne unser Wissen ein Junge, der angeblich genauso heißt, was zunächst unbemerkt bleibt (ich stelle nur fest, dass auf der Karteikarte „Skrotalhernie bds.“ steht). Dieser Junge hatte aber nur einseitig eine Hernie. Dann kam noch eine Erwachsenen-Hernie in Spinale im anderen Saal hinzu und zwei proktologische Operationen. Hier mal ein Beispiel für die Namen unserer/meiner Patienten: Sita Diallo, Jugendlicher, Leistenhernie, Shouldice; Mamadou Barry, Kind, Skrotalhernie (Name häufiger); Abdulramane Diallo, Hämorrhoiden; Ibrahima Sow, Kind, Skrotalhernie; Boubacar Biro Diallo, Hämorrhoide. Bei der Abendvisite stellte sich dann heraus, dass der operierte Junge doch nicht Mamadou Barry heißt, sondern Alphadou Barry. Abendessen wie gehabt und Terrasse. Ausklang nach Mitternacht mit Tina (Familiengeschichte). In der Sprechstunde wurden heute nur Strumapatienten ausgesucht, vorselektiert von Bailo. Sie saßen aufgereiht auf einer Bank im Vorraum, insgesamt 11 Frauen und Männer (eigentlich nur ein Mann). Nur drei von ihnen sollten noch für das Programm der nächsten Woche herausgesucht werden. Jeden Tag soll nur ein Strumapatient und zwei Kinder operiert werden. Das waren die Vorgaben, wahrscheinlich von der Anästhesie. Das übrige Programm kann dann mit Hernien und Hämorrhoiden oder Tumoren aufgefüllt werden. Eigentlich sollte auch jeden Tag eine gynäkologische OP stattfinden, hat aber mit der Auswahl bisher nicht so geklappt.

(Fortsetzung folgt)