MEINE REISE NACH KOOLO HINDE/GUINEA (3)

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Tagebuch-Protokoll 27.01.2017 – 18.02.2017

Koolo Mango Der OP (7)

30.1. Montag. Zimmer mit James. Schlafen unter Moskitonetz, nach GinTonic-Ausklang auf der Terrasse. Ruhige Nacht und Aufwachen mit dem ersten Hahnenschrei so gegen 6 h. Um 6.30 h höre ich den Bus wegfahren, zurück nach Conakry. Es wird langsam hell, eine Person scheint schon im Bad zu sein. Ich bereite mich geistig auf eine Morgentoilette ohne fließendes Wasser vor. Aufstehen. James rührt sich noch nicht. Schnell ins Bad, bevor Gedränge entsteht. Neue Erfahrung mit offener Dusche und großen Wassertonnen, aus denen man das benötigte Wasser mit Eimern oder Schüsseln nimmt. Es steht auch ein Eimer heißes Wasser da. Brauche ich aber nicht. Frühstück. Der erste Arbeitstag! Das Frühstück mit Nutella, Wurst, Käse, Weißbrot, Schwarzbrot, Kaffee, Tee, Cohay-Wasser-Flaschen. Weißbrot wird morgens um 4 h von Ditti (dazu später) auf dem Moto in Dogomet (s.u.) geholt. Die anderen festen Speisen sind mitgebracht. Nein, noch ein Weich-/Schmierkäse ist von hier (früher gab es für diese Sorte immer „La-vache-qui-rit“). Wir gehen in die große Lagerhalle, die noch auf dem Gelände der Wohnhäuser steht und wo über das Jahr hin alles untergebracht ist, was für den OP-Betrieb gebraucht wird. Dann gehen wir zur „Station“, zu dem OP-Zentrum, besichtigen die beiden OP-Räume, begrüßen die einheimischen Helfer, sehen den Gyn-Untersuchungsraum, den Umkleideraum, den Sterilisations- und Aufbereitungsraum. Dann geht es zur ersten Visite ins Patientenhaus, wo die übriggebliebenen Patienten des Team 1 liegen. Sekundärheilungen nach Leisten-OP, nach Struma-OP, nach OP einer kindlichen Halszyste. Letztere wird gleich für den nächsten Tag zur Revision im OP vorgesehen. Dann liegen noch gynäkologische Patientinnen mit Blasenkatheter bei Fistel-OP, eine nichtoperierte Blasenfistel nach Sectio vor 5 Wochen mit kleinem Baby, eine Leistenhernien-OP zur Sekundärnaht. Vorbereitung zur ersten OP: Der Halsabszess nach Struma-OP und bereits erfolgter Sekundärnaht muss noch heute gemacht werden, da der ältere Patient Fieber hat. Er ist außerdem sehr heiser. Nach den etwas spärlichen Dokumentationsunterlagen war es wohl ein monströser Strumabefund. Narkose macht Eva, Instrumentation Tina: Wiedereröffnung, Spülung, Betaisodona-Mull-Einlage. Meine „Lupine“ hat funktioniert! Ich hatte morgens meine tgl. Tabletteneinnahme vergessen und gehe jetzt zurück zum Wohnhaus. Anschließend Eintauchen in die Sprechstunde, in der die zu operierenden Patienten voruntersucht werden. Der Flur in dem „Poste de Santé“, dem Nachbargebäude, ist von Menschen verstopft, Patienten die zur OP drängen und keiner erkennbaren Ordnung unterworfen sind. Als wir kommen, öffnet sich trotzdem eine Schleuse, wodurch wir freien Zugang zum „Sprechzimmer“ erhalten. Drinnen warten schon die beiden öffentlich bestellten Pfleger. Mindestens der eine wird Doktor Camano geheißen. Mit Eva (Anästhesistin), Tina (Schwester), Bailo als Dolmetscher und Strippenzieher, James und ich selbst sind wir mit Patienten in dem kleinen Raum manchmal 10 Leute. Das Kuriositätenkabinett ist eröffnet: Patienten mit absonderlichen Tumoren, auch bei Kindern, große Skrotalhernien, Rektumprolaps bei 8-jährigem und 35-jähriger, Gingivawucherungen. Ein kleiner Junge mit Splenomegalie, Kinder mit LKG-Spalten. Die Patienten (Erwachsene) müssen für den Sprechstundentermin 5000 GFR dem Pfleger geben. Auch eine Operation kostet wohl Geld, 50.000 GFR, das ist mit dem öffentlichen Gesundheitswesen anscheinend so vereinbart. Das Geld wird am Ende des Einsatzes den hier arbeitenden Einheimischen als „Lohn“ ausgezahlt. Die heutige Sprechstunde läuft bis 17.15 h. Es wurden einige Patienten für das bevorstehende OP-Programm rekrutiert. Mittags gab es schon im OP-Trakt warmes Essen. Abendessen findet gegen 20.00 h wieder in unserer Unterkunft statt. Der Abend klingt aus auf der schönen Terrasse, anfangs noch mit Kinderbegleitung.

2017-01-30 Sprechstunde (2)

 

31.1. Dienstag. Meine Nachtruhe ist ab 5.00 h gestört. 6.45 h Aufstehen und wieder als zweiter im Bad. Noch keine Routine im Standwasserwaschen und -duschen. Das Frühstück findet wieder gemeinsam am großen Tisch statt. Andreas und Karl, sowie Conny und Anne-Marie schlafen im benachbarten Rundbau, wo es nur zwei Schlafräume gibt und ein etwas großzügigeres Bad. Der heutige Arbeitstag ist sehr ausgefüllt: OP-Saal 1: 2 Kinder (ipse) und eine Mammutstruma (James mit meiner Assistenz, 3h), Saal 2: 2 Erwachsenen-Leistenhernien. Ab 17 h Sprechstunde: Wieder kaum Durchkommen zum Sprechstundenraum im „Poste“, zum „Chambre de Consultation“. Nur durch das Schieben von Gelis Rollstuhl gelingt das Durchlassen. Mund-Kiefer-Spalte, Kind mit Malnutrition, Junge mit Kniegelenkerguß, Hernie, Hernie, Hernie, Struma…plötzlich liegt eine „halbe Leiche“ im Raum. Auf dem Boden, Türschwelle. Was ist los? Krampft er? Spastik? Kollaps? Schmerzen? Im Flur vor der Türe würde ich bei dem Mief, bei der Hitze und den drängenden Leuten auch kollabieren. Wir zerren ihn auf die Untersuchungsliege. Die körperliche Untersuchung der Vitalfunktionen, sowie Bauch und Kreislauf ist unauffällig. Irgendwie muss man ja auch mal drankommen zur Untersuchung!? Bailo schlägt vor, noch 5 Kinder zu untersuchen und dann die Sprechstunde zu beenden. Anschließend muss ich mich das zweite Mal umziehen, so stehe ich im Wasser. Es geht zum Abendessen. Die erste frische Wäsche ist gewaschen zurück. Die fleißigen Damen hatten sogar unaufgefordert mein Nachtzeug mitgenommen, obwohl es nicht im Waschkorb lag. Die Schuhe von Andreas und Karl wurden auch diverse Male unaufgefordert gewaschen, Turnschuhe. Karl sagte irgendwann, dass seine Schuhe geschrumpft seien. Deswegen versteckte er sie im Weiteren. Wir gehen zur Abendvisite: Allen geht es gut, einige „Alte“, Übernommene, sollen am nächsten Tag Verbandswechsel erhalten. Aber wer wird mal unsere Komplikationen versorgen? Nachher Terrassen-Sitzen bis 0.30 h. Heute habe ich mit anderen sog. Neuen Erfahrungen ausgetauscht. Einige „MANGO-Neue“ hatten schon Afrika-Erfahrungen bei anderen Einsätzen. James war 4 Jahre jeweils 6 Wochen (Chapeau!) mit German Doctors in Sierra Leone. Tina war bereits häufiger mit Mercy Ships auf deren Hospitalschiff. Julia und Karl hatten noch keine derlei Erfahrung. Dann gab es noch Geschichten von Andreas und Karl vom Klinikum Immenstadt und dem dortigen Klinikverbund. Nachtruhe von 0.30 – 7.30 h, wobei ich ab 5 h wieder halbwach da lag.

Koolo OP Lipom Ellenbeuge (1)

 

1.2. Mittwoch. Heute späte Toilette. Frühstück: Jeder hat so viel mitgebracht! Aber auch der einheimische Honig schmeckt, ist allerdings flüssig. Da es keine Butter gibt, muss der Schmierkäse herhalten, was bei Süßem gewöhnungsbedürftig ist. Mein OP-Tag: Kind mit Skrotalhernie, große Struma bei Mann (Assistenz Julia – sehr gut), vorher allerdings stressauslösend. Lipom, Skrotalhernie Erwachsener. Dann muss die Struma vom Vortag wegen Verdacht auf Nachblutung revidiert werden. Das bestätigt sich zum Glück nicht. Patientin hat aber Stridor und muss die nächsten Tage mit Cortison und Inhalation behandelt werden. Zum Mittagessen gibt es zwei Reissorten, Hühnereintopf, Rind in Erdnusssoße. Die Köchinnen, die die Sachen bringen, freuen sich über die Fotos, die ich von ihnen mache. Dann Sprechstunde: Fortsetzung des Gruselkabinettes. Allein die 10 eigenen Leute in dem kleinen Raum machen die Atmosphäre ungemütlich. Hier möchte ich auch kein Patient sein. Unvorstellbar bei uns: Intimsphäre, Datenschutz, Hygiene. Bailo hat die Auswahl organisiert und für heute besonders Hämorrhoiden-Patienten ausgesucht. Er hat uns die OP-Methode freigestellt, aber darauf hingewiesen, dass noch 7 Stapler-Geräte übrig sind. „Diese waren sehr teuer!“ Von 5-6 Patienten hatten 2 wirkliche Hämorrhoiden. Ansonsten Fistel, Mariske, Fissur. Aber der OP-Andrang ist riesig, die Menschentrauben vor dem Sprechzimmer, vor den Eingängen zum „Poste“ und auf dem gesamten Gelände werden nicht weniger. Jeder hebt sein Hemd, seinen Arm, senkt die Hose: Überall hängt etwas, steht etwas vor, besteht eine Deformität. Nach Abschluss des heutigen Arbeitstages soll noch ein Gemeinschaftsfoto gemacht werden, weil Amadou Barry (in Frankfurt) Geburtstag hat. Dabei stehen vor uns auf der Treppe am Hintereingang, wo das Foto traditionell gemacht wird, Massen von Leuten, die auch fotografieren. Ich mache auch ein paar Fotos in die Gegenrichtung. Mal ein paar Bemerkungen zu den Technischem, z.B. die Lichtverhältnisse bei OP: Es gibt noch drei unterschiedlich gute Stehleuchten, mit denen man – richtig eingesetzt – Stirnlampenlicht auch sparen kann. Meine Stirnlampe (Lupine) muss ich zwischen den OP’s immer aufladen. Zur elektrischen Koagulation gibt es Einmal-Monopolar und Bipolar. Welch Luxus! Und elektrische Schere. Da die Redonflaschen am Vortag schnell ohne Vakuum waren, werden heute neue aus dem Lager geholt. Wahrscheinlich waren die Ansatzgummis porös. Die Sachen lagern übers Jahr doch bei teilweise weit über 30°. Karl, unser Gynäkologe aus Sonthofen, war bisher operativ noch nicht sehr gefordert. Deswegen macht er auch Verbandsprechstunde für uns neben seiner gynäkologischen Sprechstunde. Und schneidet Unterlagen für die Untersuchungsliege und seinen Gyn-Stuhl!

(Fortsetzung folgt)