MEINE REISE NACH KOOLO HINDE/GUINEA (13)

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TAGEBUCH-PROTOKOLL 27.01.2017 – 18.02.2017

18.2. Wir fliegen über Nordafrika. Natürlich – ich schrieb es allerdings schon – es ist bereits der 18.2. Der 17.2. ist mittlerweile auch faktisch-narrativ beendet. Obwohl immer wieder Sachen aus den letzten drei Wochen hochkommen, die noch nicht schriftlich fixiert sind. Ich erinnere mich an den Rückflug mit der Familie aus Madagaskar (mit dem Sekt-zechenden urologischen Großwildjäger aus dem Ruhrgebiet) und an den Rückflug aus Vietnam, auf dem ich mit Franziska mehr oder weniger die Nacht durchzechte, während Jutta im hinteren Teil des Flugzeuges zwei Plätze zum Schlafen angeboten bekam. Hier bin ich weitgehend alleine – nur Musik. In 2½ h müssten wir Paris erreichen. Zwischen den einzelnen Musikstücken werde ich von der Ansagerin regelmäßig gefragt „Vous êtes bien?“ Dafür sagt sie leider nicht die Stücke an, die gespielt werden. Einige – Beethoven, Bach und Mozart – erkennt man, wobei: eine genaue Angabe der Sätze z.B. wäre hilfreich. Und die unbekannten sowieso. Bisher läuft die Rückfahrt insgesamt ohne Probleme. Eigentlich wie erwartet. Das Unheil der Hinfahrt begann ja schon in Frankfurt mit der geschilderten Häftlingsüberführung. Wir kommen jetzt wieder nach Europa zurück und haben mit eigenen Augen gesehen, was das Elend dieses Kontinentes ist, vor dem sich Europa nicht abschotten kann. Auch nicht darf, denn es hat einen Großteil der Probleme dieses Kontinentes selbst mitverursacht. Die Probleme Afrikas sind auch unsere Probleme! In Afrika heißt es zwar meistens „Pas de problème!“ – aber das ist gerade das Problem! Und dann kommt tatsächlich plötzlich PARIS! Ich hatte den gesamten Flug nicht geschlafen, nur geschrieben, Musik gehört. Aber auch die anderen, die zeitweise schliefen oder zu schlafen schienen, klagten über mangelnde Nachtruhe, Kälte-Klimatisation, Rückenschmerzen, Halsschmerzen. Bailo hatte zeitweise zusätzlich zum Kälteschock noch starke Kopfschmerzen wegen schlechtem Druckausgleich. Die Fahrwege über das Pariser Flugfeld mit den Navettes jaunes waren wieder wie bei der Hinreise und wie vermutet unverständlich lang. Wir (Frankfurter) müssen wieder von Terminal 2E nach Terminal 2G, die Münchener nach Terminal 2F. Das war auf dem Hinflug alles nicht so einfach zu finden. Die Münchener hatten dabei Probleme, überhaupt noch rechtzeitig anzukommen. Der Abschied von ihnen erfolgte dann im Terminal 2E. Danke, es war wirklich eine große gemeinsame menschliche Erfahrung! Der Kaffee und das Croissant im Terminal 2G und der Toilettengang waren Erlösung und Erholung zugleich. Von hier ging es wieder mit dem Bus über eine lange Strecke zu unserem HOT-Flieger. Der Abflug verzögerte sich dann auch wieder um fast 1 h, sodass wir erst um 8.22 in die Luft gingen. Vorher mussten auch noch die Tragflächen enteist werden. Welch krasser Kontrast zum schwül-heißen Conakry! Frankreich und Deutschland lagen unter einer dichten Wolkendecke, welche von oben aus dem Flugzeug heraus wie eine frisches Pulverschneefeld anmutete. Irgendwann reduzierte der Pilot die Geschwindigkeit und senkte den Flieger scheinbar blind und ziellos in die Wolkendecke. Plötzlich eröffnete sich der Blick auf das Rhein-Main-Gebiet. Der Landeanflug ging über Offenbach, an der EZB und der Skyline Frankfurts vorbei und wurde sanft zu Ende geführt. Heimischen Boden unter den Füßen! Der Gepäcktransport hat auch geklappt. Alle fanden ihre sieben Sachen wieder und nahmen mit Dankbarkeit und Freude ihre Lieben in die Arme. Jutta war wie vereinbart mit Theo gekommen, sodass für mich die Freude doppelt groß war. Nur Bailos Kinder waren leider doch nicht rechtzeitig zum Flughafen gekommen. Halt, James muss doch noch seinen Stuhl aus meiner Tasche erhalten, seinen afrikanischen Klappstuhl!

Epilog

Guinea ist ein westafrikanisches Land, welches 1958 die französische Kolonialherrschaft abstreifte. Sékou Touré (ein Name, der mir aus meiner „maoistischen Partisanenvergangenheit“ eher positiv im Ohr klingt) war der Führer der gewerkschaftlich-kommunistisch orientierten Einheitspartei und wurde erster Präsident Guineas. Nach der Machtergreifung lehnten die Antikolonialisten unter Sékou Touré jede Unterstützung und Zusammenarbeit mit der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich ab. Trotz zahlreicher Bodenschätze und einer fruchtbaren Landwirtschaft schaffte es Sékou Touré in seinen 26 Amtsjahren nicht, der guineischen Bevölkerung eine gesunde wirtschaftliche Basis zu schaffen. Im Gegenteil: Er baute den jungen, mit viel Optimismus gegründeten, von der alten Kolonialmacht unabhängigen Staatsapparat zu einer Diktatur aus; ein Phänomen, welches nicht untypisch ist für die ehemaligen, zunächst auf der ganzen Welt von Millionen von Sympathisanten unterstützten Befreiungsbewegungen. Sékou Touré verstarb 1984 in Cleveland/USA bei einer Herzoperation. Es wurde eine Militärherrschaft errichtet, die 1998 mit der „ersten demokratischen Präsidentschaftswahl“ (Wikipedia) in der Amtsbestätigung von Lansana Conté mündete. Politisch, wirtschaftlich, gesundheitspolitisch gab es jedoch keine wirklichen Fortschritte für die knapp 10 Millionen Guineer. Bürgerkriege in den Nachbarstaaten Liberia und Sierra Leone führten zudem zeitweise zu einer großen zusätzlichen Belastung durch Hunderttausende Flüchtlinge.

Erst nach der Diktatur unter Sékou Touré 1984 konnte Dr. Alimou Barry, der Gründer des Vereins „MANGO e.V.“ wieder in seine Heimat zurückkehren und damit beginnen, seine Vorstellungen über eine ihm mögliche Hilfe in der Gesundheitsversorgung zu verwirklichen. In seinem Heimatort Koolo Hinde wurde von dem Verein ein operatives Gesundheitszentrum errichtet, nachdem anfangs Operationen noch im Kreisstädtchen Dogomet durchgeführt wurden. Nach der Errichtung der École pimaire und des Poste de Santé durch gemeinsame Anstrengungen der Familie Barry und der kanadischen Botschaft in Koolo Hinde waren das Operationszentrum, das Patientenhaus und die Unterkünfte für die Mango-Helfer das nächste große Projekt, das von Mango verwirklicht wurde. Selbst kleinere Brücken über Bäche zwischen Dogomet und Koolo Hinde wurden errichtet, um auch Container-LKW’s die Zufahrt zu ermöglichen.

Im Jahre 2010 wurde nach Jahren des Stillstandes, der tiefgreifenden Korruption und mit einer unzufriedenen Bevölkerung, deren Lebenserwartung 1990 noch unter 50 Jahren lag (heute knapp 60 Jahre), die „ersten demokratischen Wahlen“ (Grußschreiben von Kanzlerin Merkel) durchgeführt und Prof. Alpha Condé zum Präsidenten gewählt. Tatsächlich wurde mit dieser Wahl die unsichere Zeit der Präsidentschaft von Lansana Conté, der 2008 verstarb und erneut von einer Militärherrschaft abgelöst wurde, beendet. Generalstreiks erschütterten das Land. 2009 gab es ein Blutbad durch die Militärs. 2014 und 2015 wurden die Länder Sierra Leone, Liberia und Guinea von der größten Ebola-Epidemie heimgesucht. Sie hatte dramatische Folgen besonders auch im Gesundheitswesen. MANGO selbst konnte deswegen 2015 auch keinen Einsatz in Koolo Hinde verantworten.

Im Verein MANGO gab es zwischenzeitlich auch einen Generationswechsel. Der Cousin von meinem Frankfurter Kollegen Alimou Barry, Bailo Barry, übernahm den Vorsitz des Vereins und begleitete 2017 unser Team 2 wie beschrieben. Hier zeigt sich vielleicht auch ein Dilemma der Situation in Ländern wie Guinea. Die Elite des Landes hat im eigenen Land kaum Perspektiven. Nicht einmal die Löcher, die die Ebola-Katastrophe unter den Gesundheits“arbeitern“ riss, können kurzfristig gestopft werden. Ganz zu schweigen von dem großen strukturellen Mangel in allen Teilen der öffentlichen Verwaltung. Und solange Länder aus der europäischen Union, aus Nordamerika und dem nahen und fernen Osten Afrika als Spielball ihrer imperialen und kapitalistischen Handels-Politik behandeln, wird sich an der katastrophalen Situation in den ärmsten Ländern dieser Erde nichts ändern. Die jeweilige Korruption in diesen Ländern (Guinea galt 2006 als das korrupteste Land Afrikas) wird von den ausländischen Profiteuren ebenso geduldet, bzw. genutzt wie die Macht der Militärs, deren zweifelhafte Ausbildung u.a. auch bei der Bundeswehr erfolgte. Auch hier wieder ganz zu schweigen von den Waffenlieferungen an die herrschende Elite. Guinea ist zum Glück noch verschont von islamistischem Terror wie im Nachbarland Mali. Oder wie im nicht weit entfernten Nigeria. Die Menschen in Guinea, diesen Eindruck hatte ich unbedingt bei meinem ersten Besuch, sind auf dem Land freundlich, aufgeschlossen, demütig. Sie leben in ihrer Bescheidenheit und Armut einen gemäßigten Islam. Aber wie schnell kann aus dieser Haltung auch Verzweiflung entstehen? Verzweiflung, die in Fanatismus mündet, weil die Herrschenden keine Alternativen bieten, weil sie sich immer weiter von der Bevölkerung entfernen. Wie schnell kann ein geduldeter Analphabetismus von 56 % der Gesamtbevölkerung, eine hohe Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit unter der Jugend umschlagen in Terrorismus?

Die Einsätze des Vereins MANGO sind auf dem Hintergrund der weitverbreiteten Armut in Guinea ein kleiner Beitrag, vielleicht nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Aber sie sind bewundernswert und erscheinen mir sinnvoll. Es ist eine Hilfe von 20-25 von 80 Millionen Menschen aus Deutschland an 6 von 52 Wochen im Jahr, die dort ankommt, wo sie gebraucht wird: Bei Aissatou, bei Mamadou, bei Alphadou und Ibrahima, bei Boubarcar und Thierno. Und auch bei Kadiatou, die in den drei Wochen gelernt hat, selbstständig eine Spinalanästhesie durchzuführen und Ablay Taran, der insgesamt 6 Wochen die Möglichkeit hatte, ein breites Spektrum chirurgischer Operationen zu assistieren. Und wenn diese 20-25 hilfsbereiten Menschen aus Frankfurt, Oberursel und Offenbach, aus Immenstadt und Sonthofen oder Dresden zusammen mit den vielen Hunderttausenden im ganzen Land in ihrem Umfeld, in der Familie, in der Schule und am Arbeitsplatz über die Situation und die Lage in Guinea sprechen; wenn sie Einfluss nehmen auf die Entscheidungsträger in ihrem Land, die erpresserische Handelsverträge erarbeiten, unfaire Fischfangquoten festlegen und Rohstoffe ergaunern, oder wenn sie sich selbst in die Entscheidungen einmischen, nur dann sehe ich auch eine Chance, dass die gleich gut gewillten Menschen in Guinea es schaffen können, ihr Land in eine blühende Heimat zu verwandeln, in dem die Schätze des Landes ihnen selbst zur Verfügung stehen und ihnen selbst zugutekommen.

Diskussionswürdiger Beitrag zu diesem Thema: https://perspective-daily.de/article/239/OqQCxvXR

 

Anmerkung: Nach der Rückkehr muss sich Karl an einer Achillessehnenruptur operieren lassen. Ein großer Teil der Teilnehmer muss eine Erkältung oder Bronchitis als Rückfahrt- und Rückflug-Folge auskurieren (und hier in der Heimat grassierte auch eine Erkältungswelle). Ich selbst bin froh, meine Familie, inklusive meinen 100-jährigen Vater „in alter Frische“ wiederzufinden. Ich bin erstaunt und erfreut zugleich über das große Interesse und die Empathie an meinen Erlebnissen, über den großen Bedarf an Informationen und an unmittelbar erlebten konkreten Schicksalen. Wir sind alle froh, dass über Bailo, der Kontakt zu Camano hat, keine negativen Berichte über die weitere Versorgung unserer Patienten zu uns kamen.