MEINE REISE NACH KOOLO HINDE/GUINEA (12)

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TAGEBUCH-PROTOKOLL 27.01.2017 – 18.02.2017

2017-02-17 Abreise Abflug (12.1)

17.2. Freitag. Eigentlich ist beim Niederschreiben schon der 18.2. Wir fliegen in Höhe Agadir. Es rumpelt ganz schön. Und Ansage: „Turbulances!“ Anschnallen! Zum Glück ist es mittlerweile etwas wärmer. Karl und Anne-Marie hatten schon Halsschmerzen. Bei diesen Temperaturen im Flugzeug werden morgen noch mehr krank sein. In Conakry war es noch sehr heiß. Auch die Wartezeit im Flughafengebäude brachte bis auf das erfrischende Bier keine Abkühlung. Ich bin nur froh, dass ich mir auf der Flughafentoilette noch mein langärmeliges T-Shirt angezogen habe. Der Abflug hatte sich 20 min. verspätet. Nach einem relativ langen Aufenthalt in Nouakchott haben wir mittlerweile die Zeit wieder aufgeholt. Das Abendessen im Flugzeug kam auch relativ spät. Aber jetzt haben fast alle von uns und der anderen Fluggäste auf Schlafmodus umgestellt. Zum Glück habe ich mir noch ein zusätzliches Fläschchen Merlot gesichert. Conakry als Ausklang, als Abschluss der Reise war nicht der Hit. Wir kamen pünktlich um 14.00 h am Peer beim Hotel Peteit Bateau wieder an und fast gleichzeitig auch unser bestellter Bus (Marke Hinfahrt, aber neuer!). Wir verabschieden Tina und Simon, die noch ein paar Wochen vor Ort bleiben und ihre jeweiligen Projekte verwirklichen (Tina in der Unterrichtung von Frauengesundheit mit SEED e.V. und Simon mit gemeinsamen Musikern). Der gute alte Freund von Alimou, Lamine, war natürlich auch pünktlich da und dirigierte unseren Busfahrer nach unseren Wünschen. Zunächst stand der geplante Besuch in einem Textilladen der Fraueninitiative an. Alles selbstgemachte Klamotten für Frauen, Männer Mädchen und Jungs, Tischdecken etc. Ich erstand vier Tischdeckensets (Decken + Servietten) unterschiedlicher Größe und zwei Kleidchen für Valeria. Bin gespannt, ob sie es jemals trägt. Aber immerhin hat mich Julia fachfraulich beraten. Ein Problem könnte der Stoff werden, der sich ziemlich steif anfühlt. Und die Ansichten, ob das beim Waschen rausgeht, gingen auseinander. 500.000 GFR! Mehr hatte ich auch nicht. Auf der Insel hatte ich genau mit meinen letzten 280 € bezahlt. Gähnende Leere in der Geldbörse. Nächstes Ziel mit dem Bus war noch eine Schnitzerwerkstatt. Er war mir gleich zu voll. Vollgehängt bis an die hohe Decke mit sicherlich auch interessanten Dingen. Vollgestopft auch mit zu vielen Menschen. Bei solchen Besuchen muss ich mir Zeit nehmen, muss eigentlich alleine oder von jemand Kompetenten begleitet sein. Diese Unübersichtlichkeit gepaart mit der Übersichtlichkeit meines Portemonnaies betrachtete ich mir lieber von außen. Auch hier standen wieder die Stühle, ferner zwei scheinbar überdimensionierte Nimba-Figuren. Und es gab sogar noch eine zweite Etage. Bis der letzte wieder draußen war, wurden wir auf der Straße mehrfach von „mobilen“ Handyverkäufern, Simkartenverkäufern, Zigaretten- und Parfümverkäufern etc. angesprochen. Ich hatte häufiger mal den Eindruck, dass es sich in bestimmten Kreisen schnell rumspricht, wenn irgendwo Weiße, Fremde unterwegs sind. Auf unserer Tour durch die Stadt betonte Lamine immer wieder: „C’est le centre ville, le vrai centre“. Als müssten man es auch immer wieder betonen. Eigentlich hatte er Recht damit. Man erkannte es eigentlich nicht, weder aus dem Bus heraus, noch beim Rumlaufen. Es gab keinen Unterschied zu den anderen bereits erlebten Stadtbezirken Conakrys. Die Straßen, der Straßenbelag, die Gehwege waren überall gleich, defekt, asphaltlos, vermüllt. Verkaufsstände gab es hier wie in der ganzen Stadt. Das eine oder andere Haus war auch mal etwas höher. Das Menschen- und Autogewimmel unterschied sich ebenfalls nicht.

2017-02-17 Abreise Abflug (11)

Unser nächstes Ziel war ein Obstmarkt. Wir wurden an eine größere Straße gefahren. Wir parkten am Straßenrand und stiegen bis auf den Fahrer aus. Lamine führte uns in eine winzige, verdreckte Seitengasse, in der beidseits sich Händlerstände befanden. Zunächst kein Obst. Rechts ging es in die nächste Seitengasse. Hier befanden sich auf der linken Seite zunächst eine ganze Reihe von Waschbecken (wofür?) und anschließend nebeneinander aufgereiht Näher und Näherinnen, die an ihren chinesischen mechanischen Nähmaschinen saßen und fleißig ratterten. Obst gab es dann aber erst in der nächsten Gasse, die dann auch wieder nach rechts bog zur Hauptstraße. Es gab einige Obst- und Gemüsestände, besser „Auslagen“. Denn es war nicht schön geordnet dargeboten, sondern eher auf dem Boden aufgeschüttet. Es gab mir auch zu viele Fliegen. Das Bedürfnis, von den Mangos, Ananas und großen Bananen etwas zu erstehen, war bei einigen nicht erloschen. Mich machte nicht ein Stück Obst an. Ich weiß nicht, warum Lamine uns hier absetzte, aus folkloristischen Gründen oder weil er es nicht wirklich kannte oder weil es für ihn normal war? Später fuhren wir noch an riesigen neuen Markthallen entlang, die sicher auch interessant gewesen wären. Aber unsere Zeit war auch begrenzt. So hatte ich mich schon auf der Hauptstraße in der Nähe des Busses aufgestellt, wartete die Einkäufe ab und hatte den Bus im Blick. Ein unterschenkeldeformierter Gehbehinderter wartete schon in seinem Rollstuhl auf unsere Gruppe um ein Almosen. Ich ignorierte ihn zunächst, als wir aber wieder gemeinsam zum Bus gingen, gab ich ihm noch 20.000 GFR, die ich noch in meiner Hosentasche gefunden hatte. Seine Deformierung der Beine konnte ich nicht richtig einordnen. Die Unterschenkel hingen irgendwie verkümmert und verdreht den Rollstuhlsitz herunter. Er freute sich offensichtlich sehr über die Gabe und folgte uns noch lächelnd – ich empfand: innerlich dankend – bis zum Bus. Ich hatte ihn auch zwischendurch heimlich fotografiert. Einen anderen Rollstuhlfahrer hatte ich auch vor ein paar Tagen aus dem Bus heraus fotografiert, da mich Geli darum gebeten hatte. Sie hat mit guineischen Partnerorganisationen das „Projekt Sundjata“ initiiert, „Hilfe zur Selbsthilfe für Menschen mit Handicap in Guinea“. Hierfür flog sie ja auch schon zwei Tage vor uns nach Conakry. Es gab damals ein Treffen mit der guineischen Sozialministerin, die für das Projekt gewonnen werden sollte. Ein Projekt, mit dem versucht wird, Menschen mit Handicap die Möglichkeit auf Bildung und Ausbildung zu geben und ihnen so die Möglichkeit auf ein eigenständiges Leben zu eröffnen. Geli selbst ist ja das beste Beispiel für einen Menschen, der sich mit seinem Handicap in seiner Welt zurechtgefunden hat, sich zu Recht gekämpft hat; nicht nur genügend Selbstwertgefühl besitzt, sich in einer Welt der „Gesunden, Schönen, Reichen“ zu behaupten, sondern auch noch das Engagement aufbringt, selbiges anderen Menschen mit körperlichen oder seelischen Einschränkungen zu ermöglichen. Größter Respekt! „Centre ville fini! Une catastrophe!“ Nein, eigentlich gab es doch hin und wieder ein paar Unterschiede zum übrigen Conakry: Lamine schließlich wies uns immer wieder beim Durchfahren der City auf neuere, neue, teils unfertige Gebäude hin, welche sich tatsächlich abstachen und – isoliert betrachtet – ein Flair von Hauptstadt, Metropole vermittelten. Eine Bank, ein Hotel, ein Verwaltungsgebäude.

2017-02-17 Abreise Abflug (13)

Auf dem Weg zum Flughafen nahmen wir wieder die vierspurige Ausfallstraße. Da drei Spuren für den Verkehr stadtauswärts benutzt wurden, ging es ohne Stau vorwärts. So waren wir relativ früh am Airport. Bailo wollte erst um 17.00 h mit unserem Gepäck auf dem Parkplatz sein. Somit schlug Lamine vor, noch eine Erfrischungspause einzulegen. Er führte uns in ein Restaurant am Flughafen, wo wir tatsächlich in einem klimatisierten Raum, der ein wenig wie ein Wohnraum anmutete, rundherum um einen großen Tisch saßen und auf der Kunststoffdecke kaltes Bier, kalte Cola, Wasser etc. genießen durften. Die Wohnzimmeratmosphäre wurde durch die netten Gastleute bestärkt. Man unterhielt sich; die Gastmutter hätte gerne neben dem Foto ihres Präsidenten Prof. Alpha Condé („le Panafricaniste“ stand auf großen Werbeplakaten in der Stadt) ein Bild von Angela Merkel gehabt (wir hatten keines dabei, dommage!). Obama hing natürlich auch schon da. Ich googelte mal schnell unter dem Tisch, fand aber kein gemeinsames Bild von Merkel und Condé, nur das Glückwunschschreiben Merkels zur Wahl Condé’s 2010: „der ersten freien Wahl Guineas“. Die Geschichte seiner Vorgänger ist vielschichtig. Andreas hat immer mal davon erzählt, wie er in seinen letzten 20 Mangojahren viele Wechsel erlebt hat, die auch immer wieder Einfluss auf die Arbeit von MANGO vor Ort hatten. Nicht nur Ebola hatte hier seine Auswirkungen. Die drei Tage auf der Insel taten auch unserem Austausch von Erfahrungen gut. Wir konnten nicht nur ausspannen, sondern auch viel erzählen. Und es gab viel Zeit und Muße zum Lesen (für die mit Buch, oder Zeit – Karl hatte sicher bis zum letzten Tag seine „Zeit“ von vorne und hinten gelesen). Ich habe „vergessen“, lesenswertes mitzunehmen. Mein Topografie-Buch jedenfalls war für die Katz‘. Besser wären die beiden französischen Bände „La Rousse médicale“ gewesen, die ich auch hätte dort unten lassen können. Aber für Lesestoff sollte man schon sich noch ein wenig Platz im Koffer lassen. Auch schon für die Zeit in Koolo Hinde. Mehr Tage hätten es auf der Insel jedenfalls auf keinen Fall sein dürfen. Das hält „man“ dann auch nicht mehr aus, zumindest mit Andreas bin ich da einer Meinung. Aber es gibt sie eben auch, Eva z.B., die gerne am Strand liegen, ihre Ruhe genießen, lesen bis zum Abwinken. Vielleicht denkt Eva auch schon an zu Hause, wo sie evtl. alleine ist, an die Arbeit in Immenstadt, wo sie sicher äußerst gewissenhaft und verantwortungsbewusst bei der Sache ist. Sie ist mir auch in Koolo Hinde durch ihren Arbeitsstil aufgefallen, der keine Nachlässigkeit zuließ und die guineischen Patienten immer in besonderem Maße einbezog. Sie war generell stets den Menschen zugewandt. Auf der Insel Kassa war sie meistens am Strand etwas abseits und las. Sie hatte auch ihr Einzelappartement, wie auch Karl, der sich in „gegenseitigem Einvernehmen“ gerne von Andreas als Zimmerpartner getrennt hat. Das hing für Andreas zunächst mit Karl’s Schnarchen zusammen, für Karl vielleicht die Gewöhnung, da er auch zuhause alleine ist. Beides nachvollziehbare Gründe. Karl empfand ich bei seiner Arbeit in Koolo Hinde ebenfalls als sehr erfahrenen und engagierten Gynäkologen. Wenn er manchmal etwas unorientiert wirkt, hatte er doch immer alles im Griff, selbst wenn er gerne Hilfe auch für sonderliche Dinge in Anspruch nahm, z.B. beim Einziehen der Schnürsenkel in die ungebetenerweise gewaschenen Sportschuhe. Seine nicht-gynäkologisch gefüllte „Arbeitszeit“ nutzte er dankenswerterweise zur allgemeinen Verbandssprechstunde. Und nun war Karl auch noch in die Grube auf der Insel Kassa gestürzt! Das war wirklich schlimm. Heute morgen habe ich ihm einen meiner knallgrünen Unterschenkel-Kompressionsstrümpfe an das verletzte und die letzten Tage stärker geschwollene Bein angelegt. Anschließend war ich wieder duschreif, so eng war dieser Strumpf. Eine meiner beiden Rückfahrt-NMH-Spritzen gab ich ihm auch noch. Und bisher ist er mit allem gut über den Tag gekommen. Tina war mit ihrer Sprunggelenktorsion jetzt auch weitgehend beschwerdefrei und brauchte keine Verbände mehr. Nach der Rückkehr muss Karl aber in Nachbehandlung und zum MRT (habe ich ihm jedenfalls ans Herz gelegt). Er wollte auch meine Adresse, damit er mir meinen Strumpf zurückschicken kann. „Das wolle er lieber gleich erledigen“. Na ja, vorbeikommen solle ich natürlich trotzdem. Er hatte ja beim ersten Rotwein auf Pascals Terrasse schon in Aussicht gestellt, dass sein Weinkeller gut (besser) bestückt ist. Jetzt höre ich seit Stunden mit kurzen Unterbrechungen über Kopfhörer „Radio-classic“, den Sender 2 auf der Tastatur, die sich herausnehmbar in der rechten Armlehne befindet. Sehr erheiternd, überhaupt nicht ermüdend, abwechslungsreich und LAUT! Zwischendurch kontrolliere ich immer wieder, ob meine Nachbarn nicht ungewollt mithören.

2017-02-17 Abreise Abflug (20)

Die Abflugschilderung steht noch aus. Bailo und später mit einem zweiten Auto auch das Gepäck kamen einigermaßen pünktlich zum vereinbarten Parkplatz. Wir mussten dann noch mit Eile einiges umpacken. Alles, was noch käuflich erstanden wurde, musste verstaut werden und einige wollten sich gleich umziehen. Dafür wurden dann Tücher als Garderobenvorhänge gehalten. Ich erledigte das erst in der Toilette der Wartehalle. In meine schwarze große Reisetasche passte noch der 2-Bretter-Stuhl von James, was dann doch wieder zu einem Gesamtgewicht von 23,5 kg führte. Ich fühlte mich persönlich ganz gut organisiert, was das Packen, Wäsche und Notwendiges für den Flug betraf. Ich stelle nur fest, dass ich dazu auch Muße und Zeit brauche! Und diese hatte ich an diesem Freitagmorgen, an dem ich früh aufgestanden war, frühzeitig beim Frühstück saß, kein Buch noch schnell fertiglesen musste und auch nicht mehr in die Meeresfluten tauchte. Dafür duschte ich noch einmal kurz vor dem Abmarsch aus dem Hotel. Karl wurde mit dem Gepäck auf dem Anhänger des Quadrollers zur Anlegestelle transportiert und ins Boot gehievt. Bevor ich mich von Pascal verabschiedet habe, hatte ich ihm noch die Leidensgeschichte von Karl erzählt, damit er evtl. Vorkehrungen (Abdeckung) trifft, um solches in Zukunft zu verhindern. „Jamais, jamais, jamais est quelqu’un tombée, c’est le premier fois! Peut-être il a  eu un verre de trop?“ Aber er will doch etwas darüberlegen. Merci! Bei der Abrechnung gab es dann doch noch ein wenig Stress. Simon hatte Probleme wegen der Aufteilung der gemeinsamen Kosten (außer Zimmer). Das hatten wir allerdings auch vorher abgesprochen, als aber wahrscheinlich Tina und Simon noch nicht bei uns waren?! Andreas erläuterte die Situation mit den bereits in den gesponserten Flugkosten enthaltenen Vorteilen für einzelne. Aber es glättete sich alles. Und im Endeffekt sind wir ja auch jetzt auf FB alle befreundet ;=))

(Fortsetzung folgt)