MEINE REISE NACH KOOLO HINDE/GUINEA (10)

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TAGEBUCH-PROTOKOLL 27.01.2017 – 18.02.2017

2017-02-14 Abreise Koolo-Kindia (3)

14.2. Dienstag. Der Abreisetag! Ich wache 5 min vor dem Wecker auf, der auf 5.00 h stand. Stehe auf, mache mich fertig. Kurzwäsche – auch das geht. Dann nochmal Koffer- und Gepäckinhalte überdenken und die beiden großen Stücke gehen raus: Meine große schwarze „Madagaskar-Tasche“, die auf der Hinreise mit 25 kg Medikamenten und Zubehör voll, eigentlich etwas zu voll war und jetzt doch erhebliche Freistellen aufweist, trotz Schnitzwerk, Honig, Erdnüssen etc und der große Rucksack. Sein Appendix – der kleine Rucksack, sog. Daypack, und die braune Tasche für die Insel. Um 7.00 h pünktlich geht es los, nachdem die Gepäckstücke nach Insel und Bailo getrennt und wir uns auch auf die drei Autos verteilt hatten. Ich sicherte mir einen Platz im vordersten Wagen, der Wagen von der Distriktverwaltung aus Dabola (darüber ist noch Faranah, Regionalverwaltung, darunter Dogomet, Kreis). Ich konnte mich sogar vorne als Beifahrer hinsetzen, da Bailo nicht vorne sitzen wollte. Zwei Glücksumstände, die mir die lange Reise mit Staub und Enge erleichterten. James saß hinten links und Eva in der Mitte. Aber es hatte die letzte Nacht gegen Mitternacht ein weinig geregnet, was den Staubgehalt der Straße am Anfang doch reduzierte, zumindest die ersten beiden Stunden. Die Holperstrecken über Dogomet dauerte eine knappe Stunde mit schönen Sonnenaufgangsszenen und dann bogen wir wieder auf die Nationalstraße 1. Die Prioritätsstraße 1 in Guinea. Eigentlich eine Katastrophe. Es war einmal eine schnelle Verbindungsstraße quer durch Guinea, die nach Mali und Liberia führt. In den letzten Jahren ist der Zustand immer schlechter geworden. Man kann auch nicht sagen, dass nichts dran gearbeitet wird. Aber so sind z.B. große Teile von Asphalt abgefräst, weil die Schlaglöcher zu zahlreich und zu groß sind. Die Abschnitte, wo der Asphalt noch erhalten ist haben entsprechend viele neue Schlaglöcher. Die Absätze zwischen Asphalt und Nichtasphalt sind bis zu Bürgersteigkanten-hoch. Das Problem ist jetzt nur, dass auch die abgefrästen Abschnitte wieder asphaltiert werden müssen. Normalerweise sind dafür in Guinea Chinesen zuständig. Aber die werden auch nur arbeiten, wenn sie Geld dafür erhalten. Unser Fahrer ist im Slalomfahren sehr geschickt. Die Fahrt ging trotzdem zügig voran, verglichen mit unserer Hinreise. Erst um 12.00 h mussten wir bei brüllender Hitze auf freier Strecke eine Zwangspause einlegen, da der rechte Vorderreifen geplatzt war. Die Anforderungen der je nach angefahrener Geschwindigkeit empfundenen scharfen Kanten im Asphalt waren zu groß. Die SCHLAG-löcher zeigten ihre Wirkung und machten ihrem Namen alle Ehre. Wir legten einen F1-verdächtigen, 20-minütigen Reifenwechsel hin (inklusive Ent- und Bepacken der Ladefläche, um an den tatsächlich auch noch funktionsfähigen Reservereifen zu kommen). Die freien Ladeflächen waren natürlich mit einer Plane abgedeckt, um das Gepäck zu schützen. In Kindia konnte der Reifen dann repariert, bzw. erneuert werden. Wir nutzten die Zwischenzeit für unseren geplanten Besuch einer Schnitzer-Werkstatt. Djiba Fofana hieß der Geschäftsinhaber und Sidimé Moussa der Meisterschnitzer, der gerade dabei war, hinter der Hütte mit einigen Kollegen, bzw. Schülern und Helfern, eine große Statue anzufertigen. An der Frontwand des Ausstellungsraumes hingen einige schöne, ältere Masken. Während einige Kollegen heftig über Preise verhandelten, ließ ich mir einiges über die Masken erzählen. Drei ähnliche Gesichtsmasken gefielen mir besonders. Über die Augen-Wangen-Partie war ein roter Leinenstreifen befestigt. Zur Initiation und anderen Festen bei den Kono (Waldguinea und Sierra Leone) würden sie getragen. Auf dem 1.000 GFR-Schein ist sie abgebildet. Ich entscheide mich für die Maske, deren Ausdruck mir am stärksten und deren Proportionen mir am gefälligsten vorkamen. Mein erhandelter Preis beträgt 160.000 GFR. Bei den anderen Kollegen, die Masken und diese schönen 2-Brett-Stühle kaufen, hilft Bailo engagiert beim gerechten Preisfinden. Er lässt nicht zu, dass seine Leute über den Tisch gezogen werden.

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Nach Erledigen dieser von Eva und Andreas eingeplanten Pflichtübung (Bailo wollte lieber einen Schnitzer in Conakry besuchen) konnten die Wagen 2 und 3 schon weiterfahren. Unser Wagen wartete noch auf Fertigstellung der Radreparatur. In der Zwischenzeit konnten wir dann noch zum nahegelegenen ehemaligen Bahnhofsgebäude aus Kolonialzeit gehen; ein zerfallendes, ehemals sicher schönes, stattliches Funktionsgebäude, hinter dem von den beiden alten Gleisanlagen nur noch die kurzen Schienenstränge existierten, auf denen jetzt noch zwei rostige Bahnwagen standen. Ansonsten war das Gelände übergegangen in das übliche kleinstädtische Gewimmel der Händler und Verkäufer, bzw. von der Natur zurückerobert. Eine kurze Fahrer-Essenspause legten wir übrigens wieder in der „Geierstadt“ Linsan eingelegt – wie auf der Hinreise. Wir deckten uns wieder mit Fleischspießen, Bananen, Maiskolben und kalten Getränken am Straßenrand ein. Unser Fahrer war wirklich ein Fahrkünstler, ein mutiger Kreativmann am Steuer. Einige Kilometer hinter Kindia kamen wir bei zunehmendem Verkehr an eine Engstelle, an der unsere Fahrspur wegen Straßenbauarbeiten (sic!) gesperrt war. Die Bezeichnung „Meine“, „Unsere“ Fahrspur wird juristisch in Guinea keine Chance auf richterliche Unterstützung haben. Denn es wird die Fahrspur befahren, die die wenigsten Schlaglöcher hat. Es kann auch mal 100 m über die sogenannte Gegenspur oder sogar deren Straßenrand gehen. Also die rechte Fahrspur war gesperrt. Auf der aufgeworfenen Straßenoberfläche bewegte sich tatsächlich schweres Arbeitsgerät. Die Sperrung lag in einer leichten Linkskurve und war vielleicht 100 m lang. Dadurch musste sich der Verkehr beider Richtungen die linke Spur teilen, was aber eigentlich nicht ging, da sie wirklich nur die Breite höchstens eines LKW hatte. Da kein Mensch anwesend war, der den Verkehr der beiden Richtungen hätte regeln können, befanden sich entgegenkommende Fahrzeuge in der Mitte der Sperrung. Es stand sich ein Bus der Gegenrichtung und ein Tankwagen aus unserer Richtung gegenüber wie zwei Sumoringer, dazwischen stand noch verloren und zur Seite in den Graben gedrängt ein kleiner Kombi. Hinter beiden „Lastautos“ standen aber mittlerweile auch schon etliche PKW und Lieferwagen, für die es auch kein vorwärts und rückwärts mehr gab, u.a. wir selbst. Unser Fahrer stellte den Motor aus und verließ das Auto. So ging ich mit Fotoapparat auch etwas spazieren, da es wohl eine längere Zeit zur Auflösung des gordischen Knotens bedurfte. Schneller als erwartet kam aber unser Fahrer zurück und sagte, wir sollen auch wieder einsteigen. Er startete und fuhr an den vor uns stehenden Autos bis zur Sperrstelle vor, was ich als gelinde Dreistigkeit empfand. Wir hatten jetzt vielleicht drei, vier Autos „gewonnen“. Nein, das war nicht seine Absicht. Er bog vor dem vordersten rechts ein und schoss auf die gesperrte Straßenseite, fuhr mit viel Verve mit seinem 4X4 (Landcruiser von Toyota) über „Stock&Stein“, über in meinen Augen unüberwindbare Hindernisse von Gestein und Geröll, und unterholte das schwere Arbeitsgerät über den Straßengraben und kam wieder dort auf die Spur, wo sie noch nicht so aufgegraben war. Hinter der Sperrung war die Straße logischerweise schön frei und die Fahrt kommod. Ende gut, alles gut!

2017-02-14 Kindia-Conakry (8)

Gegen 16.00 h erreichten wir Conakry. Teils autobahnartige vierspurige Straßen, teils Baustelle pur. Aber immerhin doch zunehmend Baustellen, auf denen auch gearbeitet wird. Staus gab es immer wieder bei reduzierten Fahrspuren. Es ist Rushhour! Auf den vierspurigen Strecken wird der Feierabendverkehr aus Conakry heraus dreispurig gefahren. Es läuft, scheint vernünftig, aber wer regelt das? Morgens läuft das in die andere Richtung ebenso. Die folgende 2-stündige Fahrt durch die Stadt zum Hotel Petit Bateau am Hafen, wo die Anlegestelle unserer „Fähre“ ist, war eine reine Katastrophe. Die Straßen, wirklich alle von uns befahrenen Straßen, stellten sich wie ein einziger Marktplatz dar. Kilometerlang aneinandergereiht, Verkaufsstände, kleine Werkstätten, alles, was man anbieten kann, fand und findet auf der Straße statt. Irgendwann ging mir dann unter dem Einfluss dieser optischen Reizüberflutung die seit Stunden stattfindende Berieselung durch – eigentlich schöne – afrikanische, hier würde man sagen World-Music auf die Nerven, die immerhin seit heute morgen von Anbeginn der Reise abgespielt wurde. Eine nicht vorhersehbare Vollsperrung der „Corniche sud“ zwang uns noch kurz vor dem Ziel zu einem weiteren Übertreten der nichtvorhandenen Straßenverkehrsordnung durch Einbahnstraßenverletzung. An der Peer Verabschiedung von Bailo (der zu sich nach Hause geht), von Kadiatou (die auch nach Hause geht) und auch für einen Tag von Tina (deren Simon es irgendwie nicht zeitig zum Hafen geschafft hat) und Übersetzen mit dem kleinen Motor-Boot auf die Insel Kassa. Fahrt von gut einer halben Stunde durch den Hafen von Conakry, an chinesischen und russischen Hochseeschiffen vorbei, nach Verlassen des Hafens auch vorbei an aus dem Wasser ragenden Schiffswracks. Die Stimmung ist sehr gut. Die Stimmung war überhaupt niemals schlecht. Nach Abschluss unserer Landpartie kann man resümieren, dass wir eine sehr harmonische Truppe waren. Es gab keine Animositäten, keine Spannungen, nicht nur keine wirklichen Konflikte, sondern auch kein erkennbares Konfliktpotential. Deswegen machte ich aus der „Teamauflistung“, in der wir uns im Aufenthaltsraum des OP-Hauses an der Wand unter „Mango 2017“ am letzten Tag verewigten, aus dem „Team 2“ das „Dream-Team 2“. Von allen akzeptiert und gerne verwendet.

2017-02-08 Koolo Das Team (4)

Auf der Insel angekommen mussten wir noch einen kurzen Marsch auf die Gegenseite der schmalen Insel hinter uns bringen, um im Hotel Magellan bei Pascal anzukommen. Das Abendessen gab es nach Zimmereinrichtung und dem ersten Meeresbad (ja, auch ich!), dem ersten richtigen Duschen und nach dem ersten richtig frischen Bier: Poisson-capitaine mit Reis, Weißwein, Rotwein und Ausklang am Strand. Dieser endete unglücklich. War es Übermut? Zuviel Rotwein? Dabbigkeit? Jedenfalls stürzte Karl auf der Suche nach Getränken, im Dunkeln irrend und fast vor eine Wand laufend, in einen gut 1.50 m tiefen Betonschacht vor dieser Wand. Er schabte dabei heftig mit seiner linken Ferse am Schachtrand, prellte und schürfte sich die Innenseiten beider Oberarme. Das blieb auch noch zunächst von uns unbemerkt, bis Julia ein leises Rufen „Holt mich hier raus!“ vernahm. Zu Hilfe-geeilte zogen Karl aus der Grube und begleiteten ihn, der nicht richtig auftreten konnte, in sein Zimmer. Wie immer hätte es natürlich viel schlimmer kommen können. Aber das nützt Karl nichts, er war sehr angeschlagen. James will diese Nacht im Freien schlafen, auf einer Strandliege. Er holt sich seine Decke und wacht, wie er später erzählt, vor dem Sonnenaufgang auf nach einer schlaftechnisch nicht sehr komfortablen Nacht. Einer der 5 Hunde hatte ihn brav bewacht. James ist ja auch ein Hundefreund und -Besitzer. Was man von Conny nicht unmittelbar sagen kann. Aber auch für sie hatte der nicht vermeidbare nahe Hundekontakt evtl. doch einen therapeutischen Effekt.

(Fortsetzung folgt)